Monika Hartkopf: Analyse von Guy Helmingers Roman "Morgen war schon"

Aus Literarische Altersbilder
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Inhaltsangabe

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von gut 9 Monaten in parallelen Handlungssträngen das alltägliche, sowohl berufliche als auch private Leben seiner Hauptfiguren und ihrer Familien.

Im Zentrum des Romans stehen der Taxifahrer Feltzer Beer und seine Frau Louise. Die Handlung setzt abrupt ein (1. Kapitel) mit der Ablehnung einer Taxifahrt: auf dem Parkplatz an der Kölner Pferderennbahn warten drei Frauen und ein Mann am Taxi, als Feltzer verärgert über den Wettverlust seiner gesamten Ersparnisse zum Fahrzeug zurückkehrt und sich wegen der auf dem Rücksitz platzierten fünf Plüschgiraffen weigert, mehr als einen Fahrgast mitzunehmen. Der Streit über die Taxifahrt eskaliert so weit, dass Feltzer im Affekt sein Mobiltelefon unbeabsichtigt zerstört und in riskanter Fahrweise den Parkplatz verlässt. In der Innenstadt nimmt er den Fahrgast Ben Bergrath auf, der auf der Rennbahn bestohlen worden ist, daher die Taxifahrt nicht zahlen kann, aber zu seiner Schwester ins Bergische Land gebracht werden möchte. Damit er die Schwester anrufen kann, nimmt Feltzer ganz gegen seine Prinzipien den Fahrgast mit in seine Wohnung, wo er sich das Handy seiner Frau entleiht. Diese sitzt auf dem Sofa und liest einen Reiseführer über Neuseeland. Sofort entwickelt sich ein Gespräch mit Ben Bergrath, der Neuseeland bereist hat und ihrer Einladung, Platz zu nehmen, bereitwillig folgt. Feltzer verlässt verärgert die Wohnung, steigt ins Taxi und beschließt, die auf dem Parkplatz zurückgelassene SIM-Karte seines Mobiltelefons zu holen, was ihm auch gelingt. Danach kehrt er eifersüchtig in seine Wohnung zurück und fordert Bergrath zur Fortsetzung der Fahrt auf. Diese endet auf dem Seitenstreifen der Autobahn, wo der Fahrgast fluchtartig das Taxi verlässt, da er sich von Feltzer bedroht fühlt.

In der folgenden Zeit wartet Louise vergeblich darauf, dass Bergrath sich wie versprochen wegen seiner Neuseeland-Fotos meldet. Sie liest die Todesanzeigen in der Zeitung und erzählt ihrer Freundin, dass sie sich Sorgen darüber macht, ob ihr Mann aus Eifersucht den Fahrgast getötet haben könnte. Das Ehepaar besucht Feltzers Eltern und Großmutter (3. Kapitel) und schaut den Videofilm von deren Urlaub. Der Besuch einer Vernissage (4. Kapitel) verbindet erstmals den Haupthandlungsstrang um Feltzer und Louise mit dem parallelen Handlungsstrang der Freundin Claudia Wiese, deren Lebenspartner Uwe Scharck in der Galerie Krahlberg seine Werke zeigt.

Während der Arbeit erfährt Feltzer durch einen Anruf Louises von deren Schwangerschaft (5. Kapitel), die den weiteren Handlungsverlauf entscheidend bestimmt. Das Ehepaar besucht gemeinsam einen Geburtsvorbereitungskurs (9. Kapitel) und bereitet die Wohnung vor. Im Kontrast dazu entwickelt sich die Beziehung zwischen Claudia und Uwe zunehmend konfliktreich (6. Kapitel): so findet sie bei der Rückkehr in die gemeinsame Wohnung ihre sorgsam gehütete Sammlung im Müll (10. Kapitel) und muss schließlich feststellen (12. Kapitel), dass Uwe zu ihrer Mutter gezogen ist und mit dieser ein Verhältnis hat.

Bei einer Ultraschalluntersuchung wird eine Anomalie festgestellt (10. Kapitel), die kurz nach der Geburt des Sohnes (13. Kapitel) eine Herzoperation erforderlich macht, an deren Folgen der Säugling am nächsten Tag stirbt. Die Handlung endet damit (14. Kapitel), dass Claudia ins Haus ihrer Mutter eindringt und nach einem Streit mit ihr und Uwe die Urne ihres Vaters mitnimmt. Danach bringt sie Feltzer und Louise zur Beerdigung ihres Sohnes, von der die beiden nach einem Essen gemeinsam mit den jeweiligen Eltern zurückkehren zu ihrer Wohnung.

Figuren

Protagonist ist der 37-jährige Taxifahrer Feltzer Beer, dessen ungewöhnlicher Vorname sich einem Missverständnis des Standesbeamten verdankt: Großmutter Klara Beer erklärte diesem in ihrer Freude über die Geburt des Enkels, dass es sich um einen Pfälzer (= Feltzer) Jung (vgl. S. 132)[1] handele. Dessen hervorstechendste Eigenschaft ist sein cholerisches Temperament, das sich gleich in der 1. Szene zeigt. Feltzer leidet dementsprechend häufig unter Sodbrennen. Er ist ein Einzelkind und scheint das Leben eines Einzelgängers zu führen. Zwar unterhält er sich regelmäßig mit seinen Taxikollegen, aber diese Kontakte reichen nicht bis in sein Privatleben. Dieses wirkt eher ereignisarm, zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt das regelmäßige Schauen einer Fernsehquizsendung. Im Kontrast zu solchen bescheidenen Vergnügungen steht seine Neigung zum Glücksspiel, das er offenbar schon seit vielen Jahren in Form von Pferdewetten und Spielhallenbesuchen betreibt. Der die Handlung antreibende Wettverlust bleibt im gesamten Roman Feltzers Geheimnis, was zugleich auf seine geringe Kommunikationsbereitschaft hinweist.

Seinen Beruf als Taxifahrer hat er einerseits in bewusster Abgrenzung gegenüber seinem Vater gewählt, der ihn gerne als Briefträger gesehen hätte und dessen aus der Sicht des Sohnes verschrobene Lebensweise immer wieder zu latenten Konflikten führt. Andererseits ist gerade die durch das gemeinsame Fahrradfahren mit dem Vater erworbene Ortskenntnis eine Qualifikation für seine Tätigkeit. In der Vorbereitung auf die eigene Vaterschaft entwirft er diese in Abgrenzung zu seinem eigenen Vater, wobei ihm gleichzeitig klar wird, „daß er mehr von seinem Vater geerbt hatte, als ihm lieb war.“ (S. 178)

Mit der 36-jährigen Louise ist Feltzer bereits seit 12 Jahren befreundet, sie leben jedoch erst seit 5 Jahren als verheiratetes Paar zusammen. Louises auffälligste Eigenschaft ist ihre verträumte Langsamkeit, die einerseits ihre erotische Ausstrahlung auf Feltzer begründet (vgl. S. 147), andererseits aber auch von ihm als störend empfunden wird und vor allem dazu führt, dass sie „das vierte Mal in einem halben Jahr […] gerade einmal zwei, drei Tage zur Arbeit gegangen war und dann wieder alles hingeschmissen hatte, weil sie sich nie zurechtfand, sich unwohl fühlte“ (S. 58). Feltzer dominiert in der Beziehung, die durch Louises Anpassungsfähigkeit recht konfliktfrei zu sein scheint. Sie verbringt ihre Freizeit mit dem Lesen von Reiseliteratur und träumt zu Beginn der Handlung von einer bald bevorstehenden Neuseeland-Reise. Durch die Schwangerschaft verändert sich Louise (vgl. S. 175), was sie auch selbst reflektiert: „[…] habe ich den Drang, selbst etwas zu tun. Ich kann mich ihm nicht mehr so ausliefern.“ (S. 191)

Claudia Wiese ist Louises Freundin und Feltzers Vertreterin im Taxi. Neben dem Taxifahren, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient, schreibt sie gelegentlich Theaterkritiken für Lokalzeitungen und hört Vorlesungen, obwohl sie bereits 30 Jahre alt ist und unklar bleibt, was sie zu welchem Zweck studiert. In ihrer Freizeit sammelt sie sehr aufwändig Lebensmittel, deren Verfallsdatum auf ihren Geburtstag fällt. Sie lebt schon seit vielen Jahren mit dem 3 Jahre jüngeren Uwe Scharck zusammen, den sie seit Kindertagen aus der Nachbarschaft kennt und dessen Selbstbehauptung als Maler entgegen den elterlichen Wünschen ihr imponiert hat. Claudias Lebensweg ist durch die frühe Schwangerschaft ihrer Mutter Simone (48 Jahre) und den Tod ihres Vaters, als sie erst 6 Jahre alt war, belastet. Die Mutter war mit der Situation als junge reiche Witwe mit Kind überfordert und versuchte ihrer Tochter ein ähnliches Schicksal dadurch zu ersparen, dass sie deren Freunde mit Lügengeschichten vertrieb. Die Vertrauensbrüche führen dazu, dass Claudia sich isoliert und früh das Elternhaus verlässt. Vom Vater, von dem sie sich selbstlos geliebt gefühlt hat und dessen Kosenamen „Brezel“ sie vermisst (vgl. S. 208f.), fühlt sie sich verraten, als sie mit 14 Jahren erfährt, dass er Selbstmord begangen hat, weil er erpresst wurde und offenbar den Verlust des Vermögens verhindern wollte. Claudia profitiert von diesem Geld jedoch nur, indem sie in Abwesenheit ihrer Mutter regelmäßig 50-Euro-Scheine für sich nimmt.

Mutter und Tochter sind gleichermaßen erfolglos auf der Suche nach Liebe und können einander durch das latente Konkurrenzverhältnis nicht helfen. Claudias Beziehung zu Uwe ist von Verachtung (vgl. S. 190) bestimmt und scheint nur noch gewohnheitsmäßig zu bestehen. Sie rächt sich heimlich für seine Lieblosigkeit, indem sie regelmäßig Zeichnungen von ihm verbrennt. Uwe erscheint aufgrund seiner narzisstischen und masochistischen Züge (vgl. S. 137f.) und seiner Aggressivität und Verlogenheit weitgehend beziehungsunfähig, so dass auch Simone mit ihm wohl nicht das Glück finden wird.

An die genannten 3 Figuren der jüngeren Generation ist ein weitverzweigtes Netz von Figuren geknüpft. Die Generation der Eltern wird nicht nur von Simone vertreten, sondern auch durch Reinhold (77 Jahre) und Victoria Beer sowie Adolf (65 Jahre) und Friederike Klarhäuser, die Eltern von Louise. Die Großelterngeneration wird durch die 95-jährige Großmutter Klara Beer repräsentiert und auch die Eltern von Louises Vater spielen eine Rolle. Der nur wenige Tage alt werdende Sohn Lennart bildet damit die 4. Generation des Romanpersonals und löst nicht nur bei seinen Eltern, sondern auch beim Leser Überlegungen darüber aus, wie das Individuum in seinem Leben durch andere Menschen mitbestimmt wird. Dies gilt nicht nur für die Familienmitglieder, sondern wird darüber hinaus auch bei den Neben- und Randfiguren verdeutlicht. Diese treten beispielsweise mehrfach im Roman auf oder sind untereinander verbunden, so dass der Eindruck entsteht, jede Figur nimmt einen bestimmten Platz in einem Netz ein. Ein besonders markantes Beispiel für diese Technik der Verknüpfung ist die in der Eingangsszene auftretende Frau, die durch eine Libellenbrosche am Mantel hervorgehoben wird. Die Brosche taucht sehr viel später in einer Szene wieder auf als Geschenk des mit Reinhold befreundeten Oswald an seine Frau. Deren Tochter trifft als Kind Feltzer mit seiner Mutter beim Eis-Essen und erkennt ihn gegen Ende des Romans an seinem auffälligen Namen wieder, als sie mit der vererbten Brosche am Revers eine Ultraschalluntersuchung bei Louise vornimmt.

Alle Hauptfiguren des Romans sind ungeeignet als Sympathieträger oder gar Helden, weil sie Schwächen und Defizite aufweisen und mit ihren Problemen vielfach erfolglos kämpfen. Bereits bei Helmingers Kurzgeschichtenband „Etwas fehlt immer“ ist bemerkt worden, dass die Texte das „Leben der Verstörten“[2] behandeln. Dies gilt insofern auch für den Roman „Morgen war schon“, als die Figuren beschädigt, vom Leben gezeichnet erscheinen, mindestens einen Spleen oder eine Macke haben. Auffälliges Zeichen dieses Mangels ist, dass sehr viele Figuren in diesem Roman etwas sammeln: Claudia sammelt Lebensmittel mit dem Geburtstag als Verfallsdatum, Victoria sammelt Aschenbecher, ohne je zu rauchen oder geraucht zu haben, Feltzer sammelt Giraffen, seine Frau Reisebücher, ihr Vater sammelt Liebschaften und erklärt: „Eine intakte Sammlung läßt einen das Kaputte am eigenen Leben gar nicht erst bemerken.“ (S. 276)

Erzählperspektive

Der Roman ist durchgängig in der 3. Person erzählt, allerdings nicht aus einer einheitlichen Perspektive, sondern durch mehrere personale Erzähler. Das bedeutet, dass der Leser die Informationen erhält, die aus der Sicht einer Erzählfigur zur Verfügung stehen, wir erfahren, was die jeweilige Figur wahrnimmt, denkt, erinnert, etc. . Feltzer ist am häufigsten Perspektivfigur, weshalb er als Protagonist anzusehen ist. In abnehmender Reihenfolge hinsichtlich der Textmenge wird auch aus der Sicht von Claudia, Louise, Reinhold und einmal sogar von Oswald, dem früher engen Freund und späteren ärgsten Feind von Reinhold erzählt. Der Wechsel zwischen den verschiedenen personalen Perspektiven erfolgt zu Beginn nur kapitelweise, im Hauptteil dann aber auch innerhalb der Kapitel, wobei ein vergrößerter Abstand zwischen den Absätzen den Wechsel markiert. Für den Leser hat diese Erzählweise zur Folge, dass die betreffenden Figuren ihm zwangsläufig näher kommen, ihm in ihrem Verhalten eher verständlich werden. Andererseits bleibt schon wegen des Erzählens in der 3. Person immer eine Distanz zur jeweiligen Figur. Es gibt keinen Überblick für den Leser, der sich zwischen den verschiedenen Erzählfiguren gewissermaßen auf Augenhöhe mit ihnen bewegt und allenfalls durch die Kombination verschiedener Blickwinkel eine Überlegenheit im Vergleich zur Einzelperspektive gewinnt. Die vom Text nahe gelegte Lesart entspricht damit weitgehend dem Umgang mit anderen Menschen im realen Leben, wenn man von der Beschränkung auf die Beobachterrolle absieht.

Anders als im realen Leben macht sich außerdem auch vereinzelt ein übergeordnete Erzähler bemerkbar, der nicht auf das Wissen einzelner Erzählfiguren beschränkt ist, sondern offenbar alles weiß, dieses Wissen aber nur sehr begrenzt einsetzt. Deutlich zu erkennen ist dieser auktoriale Erzähler zum Beispiel in der folgenden Stelle: „Was Feltzer nicht wußte, war, daß sie immer gehofft hatte, ihr Mann möge nicht wiederkommen. … Niemand erfuhr, daß ihre Eltern sie verheiratet hatten, weil sie sie aus dem Haus haben wollten, daß ihr Mann sie geschlagen und die Familie ihres Mannes sie schikaniert hatte, wo sie konnte.“ (S. 150f.) Die Verwendung des Pronomens ‚niemand‘ hebt klar hervor, dass der Erzähler aus einer Position außerhalb der erzählten Wirklichkeit spricht, diese vollständig überblickt. Anders als der traditionelle allwissende Erzähler, der sich mit Kommentierungen einmischen, den Leser ansprechen und explizit lenken kann, bleibt der übergeordnete Erzähler in Helmingers Roman völlig im Hintergrund und daher nahezu unbemerkt. Aus diesem Grund erscheint der Begriff des Erzählens in Nullfokalisierung[3] geeigneter als der Begriff des allwissenden Erzählers, weil er die Unbegrenztheit der Perspektive betont. Zur Notwendigkeit bzw. Funktion dieses Erzählers folgen weitere Überlegungen im nächsten Abschnitt.

Zeitstruktur

Die erzählte Zeit, in der sich das Geschehen um die Hauptfiguren abspielt, umfasst einen Zeitraum von ziemlich genau 9 Monaten und wird im Text sogar an wenigen Stellen exakt datiert. Die Handlung setzt an einem Sonntag im März ein und endet etwa 10 Tage nach dem 21.11.2005, einem der beiden Datumsangaben, und zwar der Tag von Lennarts Geburt (vgl. S. 289). Dass es sich bei dem Sonntag im März um den 06.03.2005 handeln muss, wird nur indirekt verdeutlicht, indem Feltzer auf der Rückfahrt zur Rennbahn im Radio einen Beitrag hört über das Ende des Zweiten Weltkriegs im linksrheinischen Köln „auf den Tag genau heute vor sechzig Jahren“ (S. 22), nämlich am 06.03.1945. Mit diesem Hinweis eröffnet der Autor hinter der Erzählgegenwart des Textes einen tiefen Raum der Erzählvergangenheit, die vom 1. bis zum 9. Kapitel immer wieder in Form von teilweise recht umfangreichen Analepsen geschildert wird. Dass das Datum des Handlungsanfangs nur aus dem Rückblick erkennbar wird, gibt dabei bereits ein deutliches Zeichen darauf, dass die Gegenwart im Roman als durch die Vergangenheit geprägt erscheint.

Im 2. Kapitel, in dem der Leser Claudia kennenlernt, erfährt er zugleich, wie die Beziehung ihrer Eltern zustande kommt und ihre Kindheit verlaufen ist (vgl. S. 40 – 47). Das 3. Kapitel vergegenwärtigt den Sommer 1955, in dem sich Feltzers Eltern kennenlernen (vgl. S. 71 – 80) und springt mit einer darin verschachtelten weiteren Rückblende sogar erneut in das Jahr 1945 und Reinholds Rückkehr in die kriegszerstörte Stadt (vgl. S. 74f.) zurück. Im 5. Kapitel findet sich das 2. explizite Datum im Roman, nämlich der 10.05.1940 (S. 114), der Geburtstag von Louises Vater Adolf und gleichzeitig der Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Luxemburg. In dieser Analepse (vgl. S. 114 – 122) wird das Leben von Louises Eltern und Großeltern in Grundzügen dargestellt. Das 6. Kapitel schließlich enthält eine Rückblende in Klaras Vergangenheit (vgl. S. 150f.) In den Analepsen mischen sich Passagen in personaler Perspektive, besonders der von Reinhold, mit Darstellungen in Nullfokalisierung, die den straffen Bericht über Ereignisse und die Herstellung von Zusammenhängen erleichtert. Das Verständnis für die Figuren und ihr Verhalten in der Erzählgegenwart wird auf diese Weise entscheidend vertieft.

Das chronologische Erzählen der Ereignisse wird jeweils unterbrochen durch den Wechsel der beiden Erzählstränge um Feltzer und Claudia. Damit der Leser in der simultanen Chronik die Orientierung behält, finden sich bei den Übergängen häufig verbindende Zeitangaben (vgl. S. 142f.). Außerdem gibt es Hinweise auf reale historische Ereignisse wie zum Beispiel den Tod von Papst Johannes Paul II, des Schriftstellers Thomas Kling oder des Schauspielers Harald Juhnke (vgl. S. 85). Solche Hinweise dienen der Einbindung des fiktionalen Geschehens in die äußere Realität und erzeugen eine Authentizitätsfiktion.

Die Wechsel zwischen Erzählgegenwart und Erzählvergangenheit werden ausgelöst durch Erinnerungen. Besonders eng ist der Zusammenhang im Fall von Reinhold, der sich auf seinen frühmorgendlichen Spaziergängen selbst erinnert, womit ein gleitender Übergang aus der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück erfolgt. Auslöser der Erinnerung ist die vertraute Umgebung: „Je […] vertrauter das Viertel ihm wurde, desto deutlicher las er zwischen den Gehwegplatten seine eigene Biographie“ (S. 158), aus der sich dann ein Ausschnitt als Rückblende eröffnet und Seiten später wieder geschlossen wird mit der Feststellung: „Überall, dachte Reinhold, [ ] sind diese Spuren, diese etwas zu tiefen Abdrücke, als wiege die Vergangenheit mehr, als sie sollte“ (S. 169). Die anderen umfangreichen Analepsen werden durch Claudia bzw. Louise ausgelöst, die an ihre Mutter bzw. ihren Vater denken, von denen dann im Folgenden erzählt wird, so dass der Übergang wegen des gleichzeitigen Figurenwechsels abrupter ist.

Die Verflechtung verschiedener zeitlicher Ebenen wird dadurch noch weiter vertieft, dass mehrere Figuren im Roman den Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart reflektieren. Oswald, der sich als alter Mann entschließt eine Versöhnung mit dem seit langem verfeindeten Reinhold herbeizuführen, stellt fest, dass die Erinnerungen mit dem Älterwerden zunehmen: „Es war, als käme mit jedem neuen Morgen ein Gestern, so als gebe es nichts Neues mehr, nur Altes, das bewältigt werden wollte“ (S. 256). Während mit dieser Figur die spezifische Sicht des alten Menschen auf die Zeit veranschaulicht wird, fragt sich Feltzer als Vertreter der jüngeren Generation im Roman, wie bestimmend der Einfluss der Vergangenheit sein mag. „Wenn er an einem Schaufenster vorbeikam und sein Spiegelbild neben ihm herlief, sah er, wie sehr er seinem vater glich, so als paßten sich mit den Jahren die Gesichtszüge und die Haltung einer älteren Form an. Und was äußerlich bereits erkennbar war, wie weit hatte das seine Wurzeln wohl schon nach innen geschlagen?“ (S. 178f.).

Der aus einer Figurenrede Feltzers stammende Titel des Romans „Morgen war schon“ (S. 315) bringt die durch den Tod des Säuglings zugespitzte pessimistische Sicht der Dominanz der Vergangenheit über die Gegenwart bis hin zur Vertilgung einer möglichen Zukunft auf ihren knappsten Ausdruck, in der Exaktheit vergleichbar mit einer mathematischen Formel. Der Roman schafft durch seine spezifische Zeitstruktur den Eindruck eines generationenübergreifenden Zeitkontinuums, das den Figuren ihren Platz bestimmt, sie als durch ihre Vorfahren geprägt und in dieser Struktur gefangen erscheinen lässt.

Raumstruktur

Auch in der räumlichen Dimension bestimmt eine klare Struktur wie ein dicht geflochtenes Netz den Roman, nämlich die Topographie der Stadt Köln als Bezugsrahmen für die zahlreich stattfindenden Taxifahrten, Fußwege und Straßenbahnfahrten. Mit diesen verbunden ist eine Fülle von Ortsangaben, die dem Ortskundigen die exakte Rekonstruktion der beschriebenen Bewegungen erlauben. In der Rezension des Romans in der Süddeutschen Zeitung [4] ist treffend vom „Straßen-Mantra des Romans“ die Rede. Das Leben der Figuren wird im wahrsten Sinne des Wortes verortet. Ähnlich wie bei den durch ihre Vereinzelung besonders auffallenden Datumsangaben gibt es in den Ortsangaben eine einzige vollständige Adresse (Grafenwerthstraße 5), nämlich die von Feltzers Eltern, womit die Herkunft des Protagonisten hervorgehoben wird. Der Standplatz von Feltzers Taxi (Itzak-Rabin-Platz) ganz in der Nähe seiner am Rathenauplatz gelegenen Wohnung sowie die Meister-Gerhard-Straße als Wohnort von Claudia sind wiederkehrende Handlungsorte; immer wieder finden Fahrten über die Deutzer Brücke, über die Ringe, zur Universitätsklinik statt, wobei das Zirkuläre dieser Bewegungen im Sinne von Hin- und Rückfahrten, Um- und Abwegen besonders deutlich wird. Der Leser mag sich an das emsige Gewimmel von Ameisen erinnert fühlen. Gleichzeitig rufen die Ortsangaben aus der realen Welt eine starke Realitätsfiktion hervor, die wohl auch bei den nicht ortskundigen Lesern wirkt, da bereits der Name der Stadt und allgemein bekannte Örtlichkeiten wie Dom und Rheinbrücken Authentizität zu verbürgen scheinen.

Die Topographie der Stadt wird auf einer zweiten Ebene innerhalb der fiktionalen Welt noch ein weiteres Mal gespiegelt, nämlich in den Bildern von Uwe Scharck. Seine Freundin Claudia stellt fest, dass „die Striche auf der Leinwand wie das Kölner Straßennetz (wirkten)“ (S. 207, vgl. S.231). Hierin darf man wohl trotz der karikierenden Darstellung von Uwes Malerei einen Hinweis darauf sehen, dass Kunst in ihren unterschiedlichen Formen jeweils die Wirklichkeit reflektiert, der sie entstammt.

Erzählweise

Die Erzählweise des Romans ist in weiten Teilen als realistisch zu bezeichnen, wenn man darunter eine wirklichkeitsgetreue Darstellung und den erkennbaren Bezug zur realen Welt versteht. Letztere geht nicht nur in Form der raumzeitlichen Verortung in den Text ein, sondern auch durch die immer mal wieder vorkommende beiläufige Erwähnung realer Ereignisse wie z.B. des Weltjugendtags in Köln im Sommer 2005. Ein besonders auffallendes Beispiel der Verbindung von Fiktion und Realität findet sich in folgender Szene kurz nach der Geburt des Sohnes Lennart: „Zwei Tage später hatte sich einiges getan. Vorne auf der mitgebrachten Tageszeitung küßte der französische Präsident der Bundeskanzlerin die Hand. Louise bewegte sich ohne Rollstuhl […] Lennart mußte nicht mehr beatmet werden.“ (S. 299)

Die im Roman dargestellte Realität erweist sich für die ihr ausgesetzten Figuren und damit letztlich auch für den Leser als überwiegend schwer und bedrückend; „der Roman (stellt) insgesamt die Härte und Unausweichlichkeit einer >wirklichen< Realität heraus.“ [5] Die Figuren leiden unter ihren nicht zu beherrschenden Schwächen, z.B. Feltzer unter seinem cholerischen Temperament, ihrer Kommunikationslosigkeit und dadurch bedingten Isolation, der Roman zeigt Krankheit, z.B. die Krebserkrankung des Kollegen Kröning, Selbstmord (Adolfs Eltern, Claudias Nachbar), das Scheitern von Beziehungen (Claudia und Uwe) und gipfelt schließlich in dem durch nichts zu erklärenden Tod des Säuglings: statt eines sinnvollen Ganzen, einer harmonischen Ordnung herrscht die radikale Kontingenz, der die handelnden Figuren ohnmächtig ausgeliefert sind. Damit scheitert zumindest vorerst der durchaus zur herrschenden gesellschaftlichen Normalität passende Lebensentwurf der Familiengründung und wirft das Paar zurück auf die Ebene des illusionären Wunschtraums, der in Form der Neuseeland-Reise einen Rahmen um die Haupthandlung bildet (vgl. S. 17ff., S. 111f., S. 331). Helmingers Beitrag zum Genre des Familien- und Generationenromans, dem der Text zweifellos zuzuordnen ist, erweist sich dadurch letztlich als Verabschiedung des Familienromans.

In einigen Punkten lassen sich Parallelen zum „Relevanten Realismus“[6] erkennen, den einige deutschsprachige Autoren der Gegenwartsliteratur gefordert haben. Das „Erzählen aus der Mitte des erlebten Lebens“ eröffnet die „existenzielle Dimension der Literatur“, die gleichzeitig ästhetische „Kunstfertigkeit“ für sich beansprucht und damit den Stoff dem „erzählerischen Ziel“[7] unterordnet. Unvereinbar mit Helmingers Roman erscheint dagegen das von den Autoren geforderte „Ringen um neue Utopien“ sowie die globalen Bezüge.

In klarem Kontrast zu dem „realistische[n] Stil“ [8], der den Roman durchgängig bestimmt, steht die Metaphorik der Sprache, die alle Sinne des Lesers anspricht. „Ein dezenter Geruch frischgepreßter Blätter öffnete sich über den Gehwegplatten“ (S. 49) und spricht den Geruchssinn an. Den Hörsinn trifft dagegen der folgende Vergleich: „Fahrgäste […] (stempelten) ihre Fahrausweise im Automaten (ab), was jedesmal ein Geräusch machte, als zerschlage jemand seinen Wecker“ (S. 48). Den größten Anteil an der bildlichen Sprache des Romans hat entsprechend seiner Rolle bei der menschlichen Wahrnehmung der Sehsinn. Besonders auffällig und zahlreich sind dabei die Lichtmetaphern und Vergleiche hinsichtlich des Lichts: „In den geschlossenen Geschäften brannten Lichter, die Versprechen über die Dinge und Gegenstände warfen.“ (S. 22) Vor allem Beschreibungen des Himmels bzw. des natürlichen Lichts treten sehr häufig auf. „Am Ende der Straße stieg der Morgen langsam wie ein Heißluftballon über den Brüsseler Platz, den Turm der St. Michael Kirche als ungekapptes Tau unter sich“ (S. 157) und Reinhold „beobachtete die Sonnenstrahlen, die sich wie Lichtseile ins Viertel spannten, sich am Gemäuer festknoteten, schnell dünner wurden, bevor sie erloschen“ (S. 171) auf seinem morgendlichen Spaziergang durch das Belgische Viertel, in dem er früher die Post ausgetragen hat. Auch wenn die Handlung sich im Innenraum abspielt, finden sich häufig Beschreibungen der Einwirkung des Lichts von außen und erzeugen das Gefühl, dass die Außenwelt wichtiger ist als die Innenräume: „Am Fenster klebten einige Sonnenstreifen wie eine kindliche Verzierung.“ (S. 278) Der Anblick des Himmels bzw. der Wolken wird sogar zwischen Feltzer und Louise thematisiert, indem sie ihn ausdrücklich auf eine Wolke hinweist, die aussieht, „als passe sie in ein Kinderzimmer“, woraufhin Feltzer „eine kleine, wie gemalt aussehende, weiße Wolke inmitten eines hellgrauen Himmels, so als habe jemand ein großes Kinderbuch aufgeklappt“ (S. 238) sieht.

Die Metaphorik von Helmingers Sprache legt nahe, seinen Stil als poetischen Realismus zu bezeichnen, wäre die Formulierung nicht bereits als Epochenbegriff eingeführt und mit dem von Fontane skizzierten[9] Programm dieser Epoche eng verbunden. Das Realismus-Programm dieser auch als bürgerlicher Realismus bezeichneten Epoche unterscheidet sich grundlegend vom Realismus eines Autors unserer Zeit. „Ein Stück Welt […], in welcher Notwendigkeit, Einheit, nicht allein vorhanden, sondern sichtbar gemacht sind“[10] steht in genauem Gegensatz zur Kontingenz der von Helminger gezeigten Welt, in die auch die Licht-Metaphern weder Klarheit noch Übersicht bringen, sondern eher wie willkürliche Lichtblitze deren Fehlen erkennbar machen. Helminger selbst spricht von „lyrische(n) Elemente(n), die in meine Prosa ein zusätzlich retardierendes Moment hineinbringen. […] das einzelne lyrische Bild (legt sich) in den Prosastrudel wie ein kleines Steinchen.“[11]

Als poetischen Realismus könnte man allerdings auch das im Roman an einigen Stellen verwendete Verfahren des fließenden Übergangs von Realität zu Irrealität bezeichnen. So erinnert sich Feltzer während des Besuchs bei seinen Eltern an die Pferderennen und vermischt den Anblick des Erdbeertellers mit seinen Eindrücken von der Rennbahn (vgl. S. 61f). An anderer Stelle erlebt der Leser Louises Tagtraum von einer Begegnung mit Maoris am See von Rotorua in Neuseeland, aus dem sie ein Telefonanruf herausreißt (vgl. S. 111f.) Auch dieses erzähltechnische Mittel führt zur Irritation des Lesers und dadurch bedingt zur Verzögerung des Lesetempos.

Charakteristisch für den Ton des Erzählens in diesem Roman ist neben der nüchternen Alltäglichkeit und dem besonders gegen Ende bedrückenden Ernst auch eine gewisse Komik. Es handelt sich meist um Formen der Situationskomik, bei denen Kontraste aufgebaut werden. So etwa wenn die auf Kundschaft wartenden Taxifahrer über den Tod des Papstes in einem Atemzug mit dem von Harald Juhnke sprechen und tiefschürfende Vergleiche anstellen (vgl. S. 84f.), oder wenn während Feltzers Besuch bei seiner Großmutter seine Erzählung über die bevorstehende Vaterschaft gemischt wird mit der gerade im TV ausgestrahlten Talk-Show, in der ein junger Mann über die geplante Penisverlängerung plaudert (vgl. S. 149f.). Die ausgreifende Darstellung der Vernissage (vgl. S. 92 – 111) trägt eindeutig satirische Züge, die Figur des Uwe ist teilweise als Künstler-Karikatur angelegt.

Autobiographische Bezüge

Der Roman „Morgen war schon“ hat von Guy Helminger [1] [2] in einer Vorlesung über das Thema „Die Biographie als Basis von Literatur“[12] selbst dargestellte autobiographische Bezüge. Er habe seinem erstgeborenen Sohn, der mit einem Herzfehler zur Welt kam und nur eine Woche alt wurde, eine Biographie schreiben wollen und bezeichnet den Roman daher als „mein persönlichstes Buch“. Die Tatsache, dass Helminger, obwohl Luxemburger, seit 1985 in Köln lebt, spiegelt sich unverkennbar in der gründlichen Kenntnis der Stadt, ihrer Topographie, Geschichte und vor allem Atmosphäre wider.

Der Autor betont in der oben genannten Vorlesung, dass es „für den Leser […] völlig irrelevant (ist), was daran [an seinem Roman] im faktischen Sinne autobiographisch ist.“[13] Relevant für den Leser ist dagegen das Literaturverständnis des Autors. Helminger bekennt sich dazu, dass die persönliche Biographie, das konkrete Leben, die subjektive Erfahrung das Fundament der Literatur bildet: „[…] ich verewige mich. […] Literatur ist immer der Versuch einer Lebensverlängerung.“[14] Daraus ergibt sich, dass das Schreiben eine existentielle Bedeutung für den Schreibenden hat und deshalb den Leser auf genau dieser Ebene ansprechen kann und will. Das Lesen „kann durchaus weh tun. Es kann einen aber genauso Liebe und Freude spüren lassen, so als erlebe man all das, was der Held des Buches gerade erlebt. Es ist dies ein Miterleben, ein emotionales Nachvollziehen, keineswegs eine In-Eins-Werdung mit dem Helden des Buches.“[15] Der Leser, der sich auf diesen Nachvollzug einlässt, statt dem Protagonisten seine eigene Persönlichkeit überzustülpen, „fühlt, sieht, hört Dinge, die im Repertoire seiner bisherigen Emotionalität nicht vorhanden waren“ und kann „über sich hinauswachsen“.[16]

Darstellung des Alter(n)s

Als Generationenroman[17] beinhaltet „Morgen war schon“ zwangsläufig Figuren unterschiedlichen Alters, in diesem Fall aus 4 Generationen. Feltzers Großmutter Klara ist mit 95 Jahren die älteste im Roman auftretende Figur, deren Tod im 9. Kapitel fast beiläufig erwähnt wird. Damit schließt sich der bei ihrer Einführung im Text eröffnete Kreis, insofern ihre ersten Worte lauten: “Ich will nicht verbrannt werden!“ (S. 60). Während des Besuches bei Feltzers Eltern wiederholt sie diese Forderung ohne erkennbaren Zusammenhang zum Gespräch der Familienmitglieder und ohne irgendeine Reaktion auf ihren Appell, so dass der Leser den Schluss ziehen könnte, Klara sei bereits von Demenz gezeichnet. Lediglich der Hinweis des Erzählers auf ihre von niemandem gehörte Bemerkung: „Mein Sohn ist ein Schreihals“ (S. 84) verrät, dass sie ihrer Forderung gezielt Nachdruck verleihen will, weil sie nicht ohne Grund fürchtet, dass ihr Sohn Reinhold ihren Wunsch missachten könnte. Tatsächlich wird Klara eingeäschert und ihr Sohn verwendet volle 3 Stunden auf die Auswahl der Urne (vgl. S. 222).

Zunächst rätselhaft bleibt ihre nur von Feltzer bemerkte Reaktion auf Louises Übelkeit. „Feltzer […] stockte […], weil seine Großmutter eine Zufriedenheit im Gesicht trug, die er noch nie an ihr gesehen hatte […] als habe sie gerade etwas erfahren, auf das sie schon lange gewartet hatte“ (S. 71). Als Feltzer seine Großmutter später von der Schwangerschaft informiert, glaubt er ihr nicht, dass sie das schon lange wisse (vgl. S. 152), der erneute Hinweis des Erzählers auf den Glanz in ihren Augen bekräftigt aber ihre Behauptung.

So gewinnt der Leser einen ambivalenten Eindruck von Klara: einerseits erscheint sie Louises Zustand mit genauer Beobachtung, Einfühlungsvermögen und Urteilskraft als einzige aus der Familie schon frühzeitig richtig zu erkennen, andererseits wirkt sie von der Umwelt abgekapselt, in sich gekehrt und nur noch mit sich beschäftigt. Geradezu starrsinnig hält sie entgegen aller gegenteiligen Informationen an der fixen Idee fest, ihr Enkel sei LKW-Fahrer und in ganz Europa unterwegs. Ähnlich wie der Leser hat auch Feltzer Zweifel bei der Einordnung des geistigen Zustands seiner Großmutter; er ist sich seiner Unwissenheit hinsichtlich ihres Lebens bewusst (vgl. S. 81f.), erkennt aber trotz der offensichtlichen Einschränkungen auch Klaras besondere Leistungen und ihre hinter den äußeren Zeichen des Alters immer wieder zum Vorschein kommende kraftvolle lebendige Persönlichkeit. So denkt Feltzer beispielsweise bei der Beobachtung ihres Verhaltens gegenüber einer anderen Bewohnerin des Altenheims, „daß seine Großmutter oft klarer im Kopf war, als seine Eltern es wahrhaben wollten“ (S. 154).

Da die Großmutter nur in der Außenperspektive dargestellt wird, kann der Leser eben so wenig wie die Figuren seine Unsicherheit hinsichtlich ihrer Einschätzung überwinden. Es bleibt offen, wie Klara selbst ihr Leben im hohen Alter erlebt und bewertet: weder erfahren wir von ihrem Innenleben noch findet darüber Kommunikation in der Familie statt. Klara verkörpert damit ein für Menschen ihrer Generation und ihres Milieus durchaus typisch erscheinendes Verhalten, nämlich das Verbergen der existentiellen und dunklen Seiten des Seelenlebens. [18] Damit entzieht sich gleichzeitig die Darstellung des hohen Alters, das in diesem Generationenroman zwar vorkommt, aber trotzdem nicht wirklich fassbar wird, so wie auch in der Lebenswirklichkeit unserer Zeit die Menschen mit zunehmendem Alter immer unsichtbarer werden und nicht nur aus dem öffentlichen Leben, sondern vielfach auch aus den Familien verschwinden. Bezüge zu den klassischen Alterstopoi lassen sich folglich bei dieser Figur nicht herstellen. Von Alterslob kann eben sowenig die Rede sein wie von Altersspott, dazu nimmt Feltzer seine Großmutter viel zu ernst. Lediglich eine einzige Aussage Klaras könnte man im Sinne einer Altersklage deuten, nämlich der während des Besuches von Feltzer im Altersheim ohne „irgendeinen Zusammenhang“ geäußerte Satz „,Ich kann vieles nicht mehr ertragen.‘“ (S. 152) Da sich der Satz aber auch als Kommentar zu dem im Hintergrund laufenden Fernsehprogramm verstehen lässt, muss seine Deutung offen bleiben.

Explizit beschäftigt das Thema Alter und Altern in diesem Roman sowohl die Figuren der Kriegskindergeneration, also die Eltern der Protagonisten, als auch die Figuren aus der Generation von Feltzer und Louise. Der 77-jährige Reinhold Beer entspricht in einigen seiner Verhaltensweisen dem stereotypen Bild des starrsinnigen Alten. So erzwingt er aus Angst vor einer Erkältung eine völlig überheizte Wohnung, in der alle Türen quietschen, weil er das Schmieröl mühsam entfernt hat in der vergeblichen Hoffnung, dass die Zimmertüren dann immer sorgsam geschlossen werden, so dass kein Durchzug entsteht. Er lebt in festen Gewohnheiten und sieht in diesen die Basis der richtigen und deshalb auch erfolgreichen Lebensführung: „Er bedauerte Kollegen, die, sobald sie im Ruhestand waren, sich tatsächlich nur noch ausruhten, nichts mehr unternahmen und langsam eingingen, wie Pflanzen, die keiner goß.“ (S. 157) So macht er mit seiner Frau nach wie vor Urlaubsreisen, vor allem aber geht er im Sommerhalbjahr in aller Frühe seine Tour ab, auf der er früher die Post ausgetragen hat. Dabei registriert er einerseits aufmerksam alle Veränderungen im Viertel, in erster Linie aber erinnert er sich an die Vergangenheit: „Überall […] sind diese Spuren, diese etwas zu tiefen Abdrücke, als wiege die Vergangenheit mehr als sie sollte“ (S. 169). Leben im Alter erscheint also als ein Leben, in dem die Vergangenheit, die Erinnerung an vergangene Erlebnisse, einen hohen Stellenwert hat. In diesem Punkt stimmt Reinholds Erfahrung auffallend mit der Erkenntnis des ehemaligen Freundes Oswald überein, der zu seinem ärgsten Feind wurde und bis ins Alter das Objekt unkontrollierten Hasses bleibt. Dieser stellt mit zunehmendem Alter immer deutlicher die Zunahme der Erinnerungen fest: „Es war, als käme mit jedem neuen Morgen ein Gestern, so als gebe es nichts Neues mehr, nur Altes, das bewältigt werden wollte, Abgeschlossenes, bereits Erlebtes.“ (S. 256) Hier klingt der Ton der Altersklage an, die allerdings dadurch abgefangen wird, dass es gerade Oswald ist, der sich nach Jahrzehnten ohne jeden Kontakt zu einem Besuch mit förmlicher Entschuldigung entschließt (vgl. S. 256f.) und damit indirekt die Fähigkeit zu Veränderung, Bewältigung und Neubeginn auch im Alter beweist, was auch durch die Reaktion von Reinholds Frau Victoria unterstrichen wird.

Der Topos der Altersklage wird am deutlichsten anhand der Figur des Adolf Klarhäuser, Louises Vater, der mit 65 seine Stellung und kurz darauf durch einen Unfall die Sehkraft eines Auges verliert. Wie bei den übrigen Figuren seiner Generation äußert er selbst keinerlei Klage, sondern ist damit beschäftigt, den Eindruck von Munterkeit und Lebensfreude zu erwecken. Seine Tochter spürt jedoch beim Besuch im Krankenhaus das genaue Gegenteil: „Es war, als klaffe hinter der bandagierten, aber aufgeräumten Fassade ein Trümmerfeld unvorstellbaren Ausmaßes, eine Zerstörung, die nicht nur Äußerlichkeiten, sondern den Kern der Existenz selbst betraf.“ (S. 125) Die Metaphorik dieser Beschreibung stellt ähnlich wie bei Reinhold Bezüge zum Kriegsende her und erinnert den Leser gleichzeitig an Adolfs freud- und lieblose Kindheit und Jugend (vgl. S. 114-122). Seine übersteigerte Kommunikationsbedürftigkeit und sein Monologisieren sowie die rastlose Suche nach neuen Liebschaften erscheinen als Kompensation der Verhältnisse in der Familie, einer der im Roman häufig anzutreffenden Hinweise auf Einflüsse der Familiengeschichte und Generationenfolge (vgl. S. 170f., 178, 208ff.). Adolf sieht sein bisheriges Leben in rosigem Licht, lässt aber erkennen, dass die Zukunft Anstrengungen verursacht: „Heute muß ich richtig planen, Dinge in Bewegung setzen, damit ich weiß, da kommt auch etwas, wenn ich aufstehe. Sonst sitzt man den ganzen Tag in seinem Sessel und wartet.“ (S. 274f.) Leben im Alter erscheint für Adolf einen gesteigerten Verdrängungsprozess zu bedeuten, gesteigert nämlich durch die empfundene Schnelligkeit des Lebens: „Alles verändert sich so schnell, […] alles ist weg, bevor man es festhalten und ins Regal stellen kann.“ (S. 275f.)

Für die der Enkel-Generation zugehörigen Figuren um die 30, vor allem den Protagonisten, spielt das Thema Alter/n verständlicher Weise eine geringe Rolle. Claudia beobachtet kritisch den Umgang ihrer Mutter mit dem Älterwerden und fragt sich, „ob ihre Mutter schon immer so gewesen war, so selbstverliebt, so versessen darauf, nicht zu altern.“ (S. 40) Während die Mutter von ihren häufig wechselnden Affären mit meist jüngeren Männern erzählt, folgt Claudia offenbar auch in diesem Punkt dem genau entgegengesetzten Lebensentwurf, indem sie trotz aller Streitigkeiten bei ihrem Freund Uwe bleibt, den sie seit Kindertagen kennt.

Louise scheint das Thema zu verdrängen, denn sie wünscht sich zur Hochzeit von ihrem Mann: „,Laß uns nie erwachsen werden‘“ (S. 225) und hat diesen Wunsch auch für ihren Sohn (vgl. S. 225). Bei Feltzer löst dagegen gerade die bevorstehende Vaterschaft das Nachdenken über sich und seinen Vater sowie das Vater-Sohn-Verhältnis aus. Er bemerkt trotz aller Kritik und Ablehnung seines Vaters mit zunehmendem Alter die vererbte Nähe. „Wenn er an einem Schaufenster vorbeikam und sein Spiegelbild neben ihm herlief, sah er, wie sehr er seinem Vater glich, so als paßten sich mit den Jahren die Gesichtszüge und die Haltung einer älteren Form an. Und was äußerlich bereits erkennbar war, wie weit hatte das seine Wurzeln wohl schon nach innen geschlagen?“ (S.178f.) Altern bedeutet offenbar für Feltzer einen durch Vererbung wesentlich bestimmten Entwicklungsprozess zu durchlaufen, was ihn allerdings nicht daran hindert, seine eigene Vaterrolle in Abgrenzung gegenüber Reinholds Vorbild zu planen.

Zusammenfassend ist damit festzustellen, dass die Altersthematik in diesem Roman nur eine untergeordnete Rolle spielt, nämlich als ein Aspekt der übergreifenden Familien- und Generationenthematik. Durch das autobiografische (vgl. dazu den entsprechenden Abschnitt) Schreibmotiv veranlasst, zeigt Helmingers Roman, „wie die <kleine Geschichte> des Ichs mit der <großen> der Welt verknüpft wird.“[19]

Anmerkungen

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Guy Helminger, Morgen war schon, Frankfurt/M. 2007
  2. Wilhelm Amann, Nüchterne Narrationen, in: R. Parr/ Th. Ernst/ C. D. Conter (Hg.): Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, Heidelberg 2014, S. 94
  3. vgl. Peter Wenzel (Hg.), Einführung in die Erzähltextanalyse, Trier 2004, S.120f.
  4. http://www.sueddeutsche.de/kultur/guy-helminger-morgen-war-schon-der-horror-der-kaffeetafel-1.891080
  5. Wilhelm Amann, Nüchterne Narrationen, in: R. Parr/ Th. Ernst/ C. D. Conter (Hg.): Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, Heidelberg 2014, S. 97
  6. Martin R. Dean, Thomas Hettche, Michael Schindhelm, Matthias Politycki: Was soll der Roman?, in: Die ZEIT, Nr. 26 (23.06.2005), S. 49
  7. a.a.O.
  8. R. Parr/ Th. Ernst/ C. D. Conter (Hg.): Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, Heidelberg 2014, S. 97
  9. vgl. Theodor Fontane, Rezension zu Gustav Freytag: Die Ahnen
  10. Otto Ludwig, Der poetische Realismus, hier nach: Hermann Uerscheln, Arbeitsbuch Deutsch. Literaturepochen: Realismus, München 1988, S. 110
  11. Guy Helminger, Verweilen, bis es weh tut. Literatur und ihre Langsamkeit, in: R. Parr/ Th. Ernst/ C. D. Conter (Hg.): Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, Heidelberg 2014, S. 52
  12. R. Parr/ Th. Ernst/ C. D. Conter (Hg.): Guy Helminger. Ein Sprachanatom bei der Arbeit, Heidelberg 2014, S. 63ff.
  13. a.a.O.
  14. a.a.O., S.67
  15. a.a.O., S. 51
  16. a.a.O., S. 51
  17. https://de.wikipedia.org/wiki/Generationenroman#cite_ref-3
  18. Ähnliche Verhaltensweisen zeigen auch noch die Frauenfiguren der nächsten Generation, Friederike – „Ihr Gesicht hatte etwas von einer Toten“ (S. 277) – erscheint als stumme Dulderin und Victoria „war eine sehr nachdenkliche Frau, die sich um alles Sorgen machte, aber nie auch nur ein Wort über die unangenehmen Seiten des Lebens verlor“ (S. 67), sondern ihrer Umwelt die emsige und stets gut gelaunte Hausfrau und Mutter vorspielt.
  19. Ariane Eichenberg, Familie – Ich – Nation: narative Analysen zeitgenössischer Generationenromane, Göttingen 2009, S. 15