Literarische Altersbilder:Projektgruppe: Analyse des Romans "Der längste Tag des Jahres" von Tanja Dückers

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zur Analyse in kollektiver Autorschaft vgl. [1]


Einleitung (bearbeitet von Ilse Noy)

Am 21. 06. 2003, dem astronomisch längsten Tag des Jahres, ist Paul Kadereit, Imker und ehemals Inhaber einer Zoohandlung in Fürstenfeldbruck, mit 62 Jahren überraschend gestorben. Die Handlung des Romans zeigt, wie seine fünf erwachsenen Kinder durch die Mutter die Todesnachricht erhalten. In den fünf Kapiteln des Romans werden nacheinander Bennie, Sylvia, Anna, David und Thomas in ihrer Reaktion auf den Tod des Vaters gezeigt. In ihrer Auseinandersetzung mit der unerwarteten Todesnachricht und in den dadurch wach gerufenen Erinnerungen werden die unterschiedlichen Beziehungen der Geschwister zu dem dominanten Vater und der in seinem Schatten stehenden Mutter, aber auch untereinander deutlich. Die Analysen der einzelnen Romanfiguren werden untersuchen, wie die Geschwister, aber auch die im Roman nur indirekt auftretenden Figuren von Vater und Mutter, jeweils ihre Position innerhalb des Familiengefüges gemäß einem genealogischen Generationenverständnis einnehmen, inwieweit sie synchron ihrer Generation zuzuordnen sind, welche Balance zwischen Bedingtheit durch Geschichte, Gesellschaft und Familie einerseits und Autonomie andererseits die jeweiligen Figuren bisher gefunden haben und wie sich dieses Gefüge möglicherweise in der Zukunft ändern wird.

Figurenanalyse von Bennie (bearbeitet von Monika Hartkopf)

Der als viertes Kind der Eheleute Kadereit geborene Sohn Bennie, der zum Zeitpunkt der Handlung ein Mann von Mitte 30 sein müsste, wird im 1. Kapitel in der Außensicht seiner Freundin Nana dargestellt, aus deren personaler Perspektive erzählt wird, er ist also anders als seine Geschwister in den übrigen Kapitel nicht Perspektivfigur. Der Grund für die Wahl dieser Perspektive könnte in der Expositions-Funktion des 1. Kapitels liegen, denn durch die außerhalb der Familie stehende Freundin Nana wird auch der Leser von außen an die Familie herangeführt statt sofort mit den Augen von Bennie in das Geschehen verwickelt zu werden. Da das 1.Kapitel gleichzeitig das kürzeste des Romans ist und Bennie darin keineswegs im Vordergrund steht, erfahren wir als Leser von ihm weniger als von den übrigen Geschwistern. Vor allem fehlt der Blick in sein Inneres, wir erleben ihn nur so, wie er auf andere Figuren wirkt.

Während Nana und Bennie dabei sind, ihre gerade bezogene Wohnung einzurichten und den von Bennies Eltern geschickten alten Kleiderschrank neu zu streichen, erfahren wir durch Nanas Nachdenken über Bennie, dass er nach der Entlassung als Journalist einer großen deutschen Zeitung eine Galerie eröffnet hat, Malkurse in einem Jugendclub anbietet und ein Stadtteilmagazin gegründet hat. Nana schätzt an ihm, dass er „nicht zu Trübsal neigt[…]“, und seine „spielerische und phantasievolle Art“ (S. 24)[1], zu der auch sein Luftballongeschäft passt, das „kurze Zeit boomte“ (vgl. S. 25), dann aber der billigeren Konkurrenz weichen musste.

Bennie beschreibt selbst sein Verhältnis zur Familie als distanziert (vgl. S. 30), sein Wohnort Berlin scheint sowohl Ursache als auch Folge seiner Distanz zu sein. Nach dem Telefonat mit seiner Schwester Sylvia, die ihm die Nachricht vom Tod des Vaters übermittelt, tut er das, „was er in jeder schwierigen Situation als erstes tat: sich eine anzünden“ (S. 28), dann setzt er zunächst wortlos das Streichen des Kleiderschrankes fort, der sich damit wie ein roter Faden durch das 1. Kapitel zieht und gleichzeitig die Thematik des gesamten Romans symbolisieren kann. Der Kleiderschrank, den die Autorin auch dadurch betont, dass sie ihn als Kapitelüberschrift verwendet, verkörpert das Alte, das Familienerbe, das nun in den Besitz der nächsten Generation übergeht, die es aufnimmt, aber auch verändert, vor allem aber in das neue, eigene Leben integriert. Dazu passt, dass Bennie erst im weiteren Verlauf des Streichens schließlich Nana recht gefasst berichtet, was er durch den Anruf der Schwester erfahren hat. Die Tatsache, dass er nachts ruhig schläft, während Nana schlaflos grübelt und wieder aufsteht, kann ein Hinweis darauf sein, dass Bennie sein Leben nach dem Tod des Vaters unverändert fortsetzen wird und er kaum Trauer empfindet.

Als Gründe für das distanzierte Verhältnis zum Vater nennt Bennie seiner Freundin eine Reihe von Fragen (S. 31), die sein Unverständnis und seine Missbilligung der Lebensweise des Vaters zeigen. Einer offenen Auseinandersetzung mit dem Vater ist Bennie aber aus dem Weg gegangen, stattdessen verhält er sich bei den seltenen Treffen der Familie angepasst und vermeidet gezielt Diskussionen. Nana erlebt ihn daher im „Kreis seiner Familie […] so anders […] viel unentschlossener, ausweichender, irgendwie passiver als zu Hause“ (S. 27).

Die älteste Schwester Sylvia sieht in Bennie das Lieblingsgeschwister, sie mag ihn, weil er ihr anders als die übrigen Geschwister keine Vorwürfe macht, sondern „stets freundlich und gut aufgelegt war […] immer fiel ihm irgend etwas Nettes ein“ (S. 40). Auch sie stellt jedoch fest, dass seit seinem Weggang nach Berlin Entfremdung eingetreten ist und er „sich kaum noch für den Rest der Familie (interessierte)“ (S. 40). Außerdem missbilligt sie an ihm mangelndes Verantwortungsbewusstsein, das Fehlen von Selbstkritik und Schuldgefühlen (vgl. S.56). Anna, die zweite Schwester, hat Bennie gegenüber permanent ein schlechtes Gewissen, da sie ihn wegen seiner Geldsorgen und ungesicherten Arbeit bemitleidet (vgl. S. 76), praktische Konsequenzen haben ihre Gewissensbisse allerdings nicht, denn sie ruft ihn nicht an, geschweige denn dass sie ihn in Berlin besucht hätte. David beschäftigt sich so gut wie gar nicht mit seinem jüngeren Bruder, der offenbar für ihn wenig Bedeutung hat. Er sieht in ihm den auffallend gut aussehenden Mann und betrachtet ihn damit ganz äußerlich.

Zwischen Bennie und seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Thomas kann der Leser schon vor dem Kontakt der beiden die Parallele feststellen, dass sie sich mit Kunst beschäftigen. Thomas bewundert Bennie: „Der hatte wenigstens den Mut gehabt, nach Berlin zu ziehen“ (S. 158). Bei seinem ersten Kontakt zur Familie nach der schriftlichen Nachricht vom Tod des Vaters entscheidet sich Thomas für ein Telefonat mit Bennie, in dem er den „Luftikus, der immer nett war“ (S. 199) sieht. Außerdem erscheint ihm Bennie näher zu sein aufgrund seiner Ferne zur Familie, speziell zum Vater: „Der Zweitjüngste. Der zweitfernste Planet.“ (S. 199) Dass ihn sein spontanes Gefühl nicht getrogen hat, beweist dann das auf 8 Seiten dargestellte Telefongespräch zwischen den Brüdern, die sofort den richtigen Ton treffen und ins Gespräch kommen, ja sogar trotz des ernsten Anlasses miteinander lachen können. Schnell entsteht der Plan zu einem gemeinsamen Fotoprojekt und einem Wiedersehen, allerdings wegen der beiderseitigen Geldsorgen ohne konkrete Chance zur Realisierung.

Figurenanalyse von Sylvia (bearbeitet von Barbara Maubach)

Die in der Erzählgegenwart 41-jährige Sylvia (ältestes Kind der Familie) erhält die Nachricht vom Tod des Vaters durch einen Anruf ihrer Mutter, während sie im Auto mit ihrer Tochter Miriam am Steuer unterwegs ist, in einer höchst angespannten Situation also, da Miriam noch nicht den Führerschein hat, sondern ihrer Mutter diese illegale Übungsstunde abgerungen hat. Die Szene zeigt Sylvia als eine unfähige Mutter, die sich gegen ihre spätpubertierende Tochter nicht durchsetzen kann und ihr gegenüber Verachtung und Aggression empfindet. Trotzdem überlegt Sylvia, wie sie der Tochter den Tod des Großvaters mitteilen soll, wozu es aber nicht kommt. Sie ahnt, dass Miriam dieser Tod nicht sehr nahe gehen wird, und hat „Angst vor Miriams mangelnder emotionaler Anteilnahme“ (S.40). Sylvia braucht aber in dieser für sie sehr schmerzlichen Situation einen Menschen, der sie tröstet. Denn sie ist von den Kadereit-Kindern diejenige, die wirklich an ihrem Vater hängt, an den sie in ihrer Erinnerung immer als „Vati“ (z.B. S.43) denkt und der „der wichtigste Mensch in ihrem Leben“ (S.40) war.

In einem Erinnerungsrückblick erfährt der Leser von Sylvias besonderer Beziehung zum Vater aufgrund seiner besonderen Zuwendung ihr gegenüber in Kindheit und Jugend. Sie litt als Kind an einem Pfeifferschen Drüsenfieber, das sie lange Zeit ans Bett fesselte und sich später zu chronischem Asthma entwickelte, von dem sie weiß, dass es psychosomatische Anteile hat. „Natürlich war ihre Mutter für sie da, aber sie war immer nett zu allen […] Vater war da ganz anders, der sparte sich seine Nettigkeit auf […] hielt […] ihre Hand und legte ein kühles Tuch auf ihre heiße Stirn.“(S.42) Sylvia gewinnt über ihre Krankheit eine besondere Nähe zu ihren Eltern, sie steht im Mittelpunkt und zieht in der Konkurrenzsituation mit den Geschwistern die Aufmerksamkeit, besonders die des Vaters, auf sich. Im Gegenzug dazu sind ihre Geschwister dann gar nicht nett zu ihr, sondern nutzen ihre aus der Krankheit resultierende Schwäche aus, indem sie sie z.B. im Schwimmbad ins Becken ins Becken stoßen. Die angespannte Beziehung zu den Geschwistern hat sich bis ins Erwachsenenalter durchgehalten. Sylvia kann außer Bennie, dem sogar zu Miriam etwas Nettes einfällt (vgl. S.40) und den sie deswegen schätzt, keines ihrer Geschwister leiden. „Die machten ihr nur Vorhaltungen über ihre Ehe oder über Miriam“ (S.41), während Sylvia im Gegenzug in ihnen „Ignoranten, Dumpfbacken, allesamt“ (S.59) sieht.

Sylvia hat während ihrer Krankheit manipulative Tendenzen entwickelt, die sie ihr Leben lang einsetzt. Um den Vater an ihr Bett zu holen, trinkt sie z. B. die notwendige Flüssigkeit nur, wenn er sie bringt. Sie gewinnt ihn auch dazu, sich an ihr Bett zu setzen und ihr „stundenlang von der Wüste und ihren geheimnisvollen Bewohnern“ (S.43) zu erzählen. Die Zuwendung des Vaters hat letztlich zur Folge, dass das Kind „nicht zurück in die Schule, zu den anderen Kindern, weg von ihrem Vater, fort von diesen geheimnisvollen Zwiegesprächen, nicht erwachsen werden wollte.“(S.44) Die daraus erwachsende Einsamkeit durchzieht wohl auch ihr ganzes Leben. Beim Tod des Vaters sehnt sie sich nach Trost, ohne einen Menschen zu haben, der ihn ihr geben würde.

Wie in patriarchalischen Gesellschaften üblich tauscht Sylvia früh die Rolle der den Vater bewundernden Tochter gegen die Rolle der sich am Ehemann orientierenden Frau und Mutter. Sie wird bereits mit 19 Jahren erstmals schwanger und heiratet ihren ersten Freund Jan, aus dem ein gut verdienender Immobilienhändler wird. Sylvia blickt zu ihm auf und möchte von ihm beschützt werden. Daher mag sie es nicht, wenn er sie manchmal nicht „Kleines“ nennt, sondern ihrem angstfreien Umgang mit Vogelspinnen Bewunderung entgegenbringt. Ihrem Ehemann gegenüber entwickelt Sylvia völlige Anpassung und Unterwürfigkeit. Sie akzeptiert seine ständige Untreue und übernimmt die dienende Hausfrauenrolle, um ihn bei Laune zu halten. Die Beschreibung des samstäglichen Rituals – Schlemmerfrühstück mit anschließendem Beischlaf –, zu dem sie von der Fahrstunde mit der Tochter nach Hause zurückkehrt, wirkt wie eine Karikatur. Während Jan in sich wiederholendem Rhythmus eine Reihe von stimulierenden Übungen abspult, steuert Sylvia mit Distanz und emotionslos den Ablauf des ehelichen Verkehrs. „Sie wusste, dass es ihr nicht schwer fallen würde, ihn ausgerechnet heute zu bedienen“, wohl wissend, dass „andere Frauen sich von ihrem Mann [...] verwöhnen lassen würden.“(S.49 f.) Sie manipuliert ihren Mann vom Frühstück bis zum Beischlaf und fühlt sich dabei durchaus stark, „nicht auf seine Unterstützung angewiesen.“(S.50)

Die früh erworbene Fähigkeit, ihre Schwäche und Kindhaftigkeit manipulativ einzusetzen, um Macht auszuüben, durchzieht auch Sylvias Verhalten den Geschwistern gegenüber, wenn sie taktiert, in welcher Reihenfolge sie ihnen den Tod des Vaters mitteilen soll. Gleichzeitig ist der Versuch, das Weitersagen der traurigen Botschaft hinauszuzögern oder gar zu vermeiden ein von ihr selbst durchschauter Verdrängungsmechanismus, den sie schon seit ihrer Kindheit und Jugend kennt. „Als sie schwanger wurde: niemandem etwas davon erzählen, niemanden einweihen, damit es nicht ‚wirklich wahr ist’“. (S.61)

Dabei ist Sylvias Reaktion auf den Tod des Vaters ambivalent. Einerseits empfindet sie wirklich Trauer und ist erschrocken beim Anruf der Mutter. Ihre Sehnsucht nach Trost in dieser Situation ist glaubwürdig und das Weinen gemeinsam mit ihrer Mutter am Telefon ein Zeichen für den Schmerz über den Verlust des Vaters. Parallel dazu laufen andererseits ihre Überlegungen, bei wem die Mutter den Lebensabend verbringen wird mit allen Konsequenzen auch finanzieller Belastung, die das mit sich bringen würde.

Sylvia ist im Grunde nicht erwachsen geworden und unfähig, ihre eigenen Wünsche klar zu erkennen und authentische Gefühle zu entwickeln. Ihr Schmerz um den Verlust des Vaters hat Anteile von Trauer und wird zugleich genährt von den Kleinmädchen – Erinnerungen an die schönste Zeit in ihrem Leben. Ihrer Tochter gegenüber ist sie unsicher, konfliktscheu, nicht in der Lage Grenzen zu setzen. Und da sie kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat, kann sie ihr auch kein Vorbild sein. In der Geschwisterreihe fühlt sie sich zurückgesetzt, ist aber auf steter Suche nach Liebe, die sie auch auf manipulative Weise zu gewinnen sucht. Sie bleibt in ihrer Kleinmädchen – Pose, flieht ins Infantile und lebt in einer Scheinwelt. So endet denn auch ihr Versuch, sich an den Vater zu erinnern und seine Gesichtszüge ins Gedächtnis zu rufen, damit, dass „alles, was sich vor ihren Lidern ausbreitete, [...] ein dichter , schweinchenfarbener Teppich“(S.61) war, mit dem sie ihren Flur ausgelegt hat. Die Figur der Sylvia, die teilweise an eine Karikatur erinnert, erlaubt dem Leser kaum Identifikation, sie provoziert allenfalls ambivalente Gefühle, die zwischen Ablehnung und Mitgefühl schwanken, das sich aber kaum durchhält. In der Geschwisterreihe der Kadereits, bei der in allen Figuren ähnliche Spannungen angelegt sind, kommt sie am schlechtesten weg. Sie erscheint als die am wenigsten sympathische und am meisten familiengeschädigte Figur; im Sinne Markus Neuschäfers[2] ein sehr bedingtes Selbst.

Figurenanalyse von Anna (bearbeitet von Ingeborg Gerlach)

Annas Kapitel lautet „Im Garten“. Es umfasst 31 Seiten. Auf der zehnten Seite erfährt die etwa 37-Jährige von dem überraschenden Tod ihres Vaters. In den darauf folgenden 20 Seiten bemüht sie sich, diese Tatsache, diesen Verlust, in ihr Leben und in sich aufzunehmen. - Der „Garten“ (S. 83) kommt nur ein einziges Mal vor. Er wird nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, als der Ort erwähnt ,an dem das Bienenhäuschen steht, vor oder in dem am Morgen ihr Vater starb, sondern, den gerade Verstorbenen schon überschreitend, als ein Ort, an dem Anna ihre Kinder sucht. Sie findet die beiden „…im Schuppen hinter dem Bienenhäuschen; sie schauten sich neugierig einige Gerätschaften ihres Großvaters an, an die er sie nie herangelassen hätte.“ (S. 83) Und jetzt nähern sich die kleinen Nachkommen ohne Scheu der Hinterlassenschaft des geliebten und bewunderten Großvaters, wissend, dass der seine Schätze nicht mehr verteidigen kann. Anna lässt sie gewähren, „kehrte zurück in die Diele“ (S. 83) und fragt ihre Mutter nach den letzten Tagen des Vaters. „Ihre Mutter sah Anna lange an, ohne etwas zu sagen. Dann zuckte sie hilflos die Schultern. ‚ […] was soll ich schon sagen, was weiß ich schon.‘ Anna tätschelte den Unterarm ihrer Mutter. Die ewigen Minderwertigkeitsgefühle ihrer Mutter gingen ihr auf die Nerven, […] Oft hatte es jedoch an ihrer Mutter gelegen, dass sie über bestimmte Dinge nie offen mit ihrem Vater hatte sprechen können.“ (S. 83f)

Anna hatte ihren „Daddy“ geliebt. Seinen Geburtstag am 6. Juni erklärte sie „seit ihrem Schüleraustausch in den USA“ zu „Daddys Day“ (S. 66). Die Gefühle für ihre Mutter, auch die Geschwister scheinen anders, wirken distanzierter und kritischer. Sie hat sich emanzipiert, bleibt ihnen aber verbunden. Wahrscheinlich wird sie bald ihre kranke Mutter zu sich nehmen, sie wohnt in der Nähe. Ihr eigenes Leben, ihre eigene Familie wird sie deshalb nicht aufgeben. Ihren geliebten Beruf auch nicht. Anna ist Psychotherapeutin, sie ist stolz auf ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen, stolz auf ihre und ihres Mannes Erfolge, auch er ist Therapeut, und ihr noch nicht schuldenfreies Haus, in dem auch die Praxis von „Dr. Johanna Kadereit und Dr. Michael Riese“ (S. 73) untergebracht ist, „das Haus war Dreh- und Angelpunkt in Annas Leben, ihr Hafen, ihr Fixpunkt; Wohnen und Arbeiten, Kinder und Karriere, alles hatte hier seinen Platz.“ (S. 73)

Zu Beginn des Kapitels ist die Familie mit dem vollgestopften Kombi unterwegs zu ihren Eltern, als Anna merkt, dass sie vergessen hat, das „Geschenk für Daddy," die Bergstiefel, „einzupacken!“ (S. 65) Das Geschenk kommt verspätet, weil die Stiefel nicht passten und umgetauscht werden mussten. Also zurück. Dabei entwickelt sich ein Streit zwischen dem Ehepaar. Michael beklagt, dass die Kinder Janina und Jonas den Kindergottesdienst besuchen müssen, obwohl sie, die Eltern, „so gut wie nie in die Kirche“ gingen. Anna möchte Ihnen aber „wenigstens eine ungefähre Vorstellung vom Christentum “ (S. 70) vermitteln, „von den Wurzeln unserer Kultur.“(S. 71). Sie beklagt die fehlenden Rituale, z. B., um die Geburt eines Kindes „richtig zu feiern.“ (S. 72) Schließlich wiegelt Michael ab und küsst sie auf die Wange. – „Immerhin, befand Anna, gingen sie alle Konflikte sehr direkt an.“(S. 72) – Darauf ist sie stolz. Sie steht damit im Gegensatz zu ihren Eltern, auch zu ihren Geschwistern.

Dann sind sie in ihrer Straße, steigen aus. „Anna hatte kaum die schwere Holztür aufgedrückt, da hörte sie das Telefon. […] Es war ihre Mutter. Das fehlte gerade noch. Mutter, die immer meinte, es sei ein Drama, wenn man mal eine Stunde später kommt!“ (S. 74) „‚Wir kommen gleich!‘ rief Anna genervt in den Apparat, bevor ihre Mutter auch nur ein Wort sagen konnte. Aber ihre Mutter machte ihr keinen Vorwurf, sie weinte. […] ‘Anna, dein Vater ist gerade – gestorben!‘ In kurzen Sätzen berichtete sie, was sich heute morgen zugetragen hatte. Völlig benommen ließ Anna den Hörer sinken.“(S. 75) Sie „begann zu weinen. Einen Moment lang sah sie in Michaels erstauntes und erschrockenes Gesicht. Ohne zu wissen, was passiert war, streckte er die Arme nach ihr aus. […] Die Selbstverständlichkeit seiner Liebe. Mechanisch lief sie mit vors Gesicht gehaltenen Händen auf ihn zu. Sie öffnete die Augen erst wieder, als sie seine Arme um sich spürte“ (S. 75). „Michael fragte leise: ‚Was ist?‘ Janina und Jonas trippelten zu den Erwachsenen ins Wohnzimmer; sie wollten wissen, was mit Anna los war. ‚Opa ist gestorben.‘ […] Im Flurspiegel sah Anna sich als siamesischen Vierling. [...] Eine ganze Weile lagen sie zu viert auf der riesigen […] Couchlandschaft und weinten zusammen. Selbst Michael. So traurig, so schrecklich alles war: Anna würde nie vergessen, wie sie sich alle vier umarmt hielten.“ (S. 75f) Ein emotionaler Höhepunkt, diese physische und psychische Nähe im ersten Schock der Trauer, dieses perfekte Harmonie- und Übereinstimmungsgefühl, das sich in einem Körperknäuel, in einer Verschmelzung mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern manifestiert. Für einen Moment. Danach werden sie alle wieder zu eigen-willigen, manchmal auch einsamen Individuen.

Später, allein in der Küche des Elternhauses, spürt Anna plötzlich den Verlust: „Ihr Daddy war nicht mehr da. […] und dort lagen seine Weißdornkapseln! […] Sie fürchtete sich plötzlich vor dem Alleinsein, den Stunden, wenn Jonas und Janina in der Kita und in der Schule waren und Michael bei seiner Supervision in München.“ (S. 78) Auf der Veranda redeten sie von Herzstillstand. „Tut das weh […]?“ (S.78), wollte Jonas wissen. Die Mutter fragt, “… ob denn alle am Mittwochmorgen kommen würden, um sich von Großvater, der dann aufgebahrt sein würde, zu verabschieden. Natürlich wollte Anna ihn noch einmal sehen.“ (S. 80) Die Kinder, von ihrem Vater vorsichtig aufgeklärt über einen solchen Anblick, nicht. Janina, sagt, „sie hätte Angst davor, das fände sie ‚eklig‘“. (S. 80) Anna ist „maßlos enttäuscht. Sie wäre so gern mit ihren Kindern gemeinsam […] zu ihrem Vater gegangen.“ (S.80). Sie empfindet Distanz zu ihnen und fühlt sich genervt, sowohl von Michael als auch von den Kindern. Sie wünscht sich, wieder mal, nach San Francisco, um dort in die Praxis einer Freundin einzusteigen. „Dieser verdammte Virus des Fernwehs …“ (S. 82), Fluchtträume gegen die Kränkung und das Einsamkeitsgefühl. Zu Hause nach 10 Uhr abends – „Kein Tag so lang wie dieser.“ (S. 84) - findet Anna einen Anruf von Sylvia auf dem Anrufbeantworter. Ihre Abneigung gegen die Schwester, die sie selbst an diesem Tag nicht überwinden kann, lässt sie zum Hörer greifen. Eingespieltes läuft zwischen den beiden ab, Botschaften des Besserseins, Näherseins bei den Eltern, jetzt der Mutter. „ Anna wußte, daß eigentlich die Frage im Raum stand, wohin ihre Mutter nach dem anstehenden Hausverkauf kommen würde.“ (S. 85) Sie umkreisen sich, horchen sich aus. Anna sagt, sie wolle nicht streiten. „ ‚Laß ihn uns doch erst mal beerdigen!‘ Schließlich begann sie doch zu weinen. Ausgerechnet vor Sylvia.“ (S. 85) Nur vor Sylvia.

Anna hatte ihren Vater geliebt, was sie nicht hinderte, unterstützt von ihrem älteren Bruder David, ihm ein paar Fragen zu stellen, "wie war es damals so in den ersten Nachkriegsjahren, […] Mußtest du hungern? Hast du viele Flüchtlinge gesehen?“, während Mutter und Sylvia regelmäßig dazwischengefunkt hatten, „ um 'Vater nicht zu sehr zu belasten'.“ (S. 84) Ihre Mutter wechselte die Seiten, lobte unter vier Augen mal Sylvia, mal Anna. David sah in seiner Schwester seit „jeher [...] eine gleichaltrige, ebenbürtige Kumpanin […]. Die ersten weiten Teenager-Reisen – dieses Fernweh, das sie immer gehabt haben.“ (S. 114) „Anna war wirklich nicht schön, und man sah ihr an, dass Kleidung und Kosmetik sie nicht interessierten.“ Er fand sie "unkompliziert, […] praktisch veranlagt und sportlich, dabei doch einfühlsam“ (S. 115). „Daddy – dieser Kosename, anders konnte sie es nicht nennen, war als einziges aus der damaligen Zeit übriggeblieben.“(S. 89) Seine Ausflüchte, warum er nicht nach Amerika kommen konnte, ihre Enttäuschung darüber, die dann verächtliche Züge annahm. Erst „im Rahmen ihrer Lehrtherapie„ (S. 89) konnte sie ihren Vater in einem milderen Licht sehen. „Daddys Familie war im Krieg ausgebombt worden […] Daddys Vater war in Nordafrika gefallen, und an Reisen war damals nicht zu denken gewesen. Außer an Reisen im Kopf.“ (S.89) „Sie gab sich einen entschlossenen Ruck und setzte sich an ihren Computer, um sich sein Horoskop anzuschauen. […] die große Enttäuschung über die Schließung des Geschäfts, […] verkörpert durch die gradgenaue Neptun-Mond-Opposition […]. Schließlich stand sie auf und ließ sich auf die Couch sinken. […] Hätten ihre Kinder anders reagiert, wenn sie – so, wie sie es bei ihrem Großvater erlebt hatte – neben seinem Bett hätten sitzen können und seine Hand hätten halten können? Wenn sie gemerkt hätten, dass zwischen dieser scheinbar so gewaltigen und kompromisslosen Grenze, zwischen Leben und Tod nur ein Atemzug liegen kann?“ (S.90f) Ihre Kinder hatten sich einer möglichen Ekel-Situation entzogen. Ist damit sicher, dass sie den geliebten Großvater in guter, ungetrübter Erinnerung behalten? Jetzt schlafen sie tief. Anna „empfand ihre Kinder als treulos, obwohl sie wußte, daß der Gedanke ungerecht war.“ (S. 96)

Figurenanalyse von David (bearbeitet von Jutta Rech-Garlichs)

David, zweites Kind und ältester Sohn der Kadereit-Familie, ist 38 Jahre alt (vgl. S. 102) und von Beruf Schauspieler. Er lebt in der Nähe seines Elternhauses in Fürstenfeldbruck und ist „froh über jedes Engagement in den Kleinstadttheatern der Umgebung“ (S. 118). Das ihn in den Mittelpunkt stellende vierte Kapitel des Romans beginnt mit einer Szene, die David im Theater bei einer Einzelprobe zeigt, sodass der Leser gewissermaßen mitten hineinplatzt in die Probe und maximale Desorientierung erlebt, während die vielfältigen innertextlichen Bezüge[3] teilweise erst nach der Lektüre des letzten Kapitels erkennbar werden.

Zu Hause erwartet David „diese geballte Ladung Familie“ (S. 101) in Form von fünf Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, der er sich aber nicht sofort gewachsen fühlt. Den neuerlichen Anruf von Sylvia nimmt er jedoch an und erfährt damit vom Tod des Vaters. Von diesem Zeitpunkt an beschäftigen ihn nun die vielen Missverständnisse, enttäuschten Erwartungen und verpassten Gelegenheiten (vgl. S. 108 ff.) in den Begegnungen mit dem Vater. Gradmesser seiner Erschütterung mögen auch mehrere "Cognacs" sein (vgl. S.107 f.), die auch als Hinweis auf eine nicht eingestandene Alkoholsucht (vgl. S.48, 113) gedeutet werden können, die ihm z. B. Sylvia anlastet (S. 48).

Nachdem David kurz mit Anna telefoniert hat, begibt er sich zum Joggen, außer Sex die einzige Methode, die ihn „von sich selbst befreien“ (S. 112) kann. Während des Laufens mäandern seine Gedanken aber doch zwischen den Geschwistern, den Eltern, dem von einem Teil der Familie zum Afrika-Helden stilisierten Großvater hin und her und lassen ihn diesmal nicht zu der von der Konzentration auf das Laufen erhofften vollkommenen inneren Ruhe kommen. Vollends zunichte gemacht wird dieses Bestreben durch das Auftauchen von Corinna, einer wesentlich jüngeren ehemaligen Theaterhospitantin, die in David verliebt ist und deren massiven Verführungsversuchen dieser schließlich auch erliegt. Das von Corinna für ihre geplante Übernachtung im Wald aus Moos gebildete „Kopfkissen“ (S. 136) gibt dem Kapitel seinen Titel. Das Kapitel endet damit, dass David nach dem Joggen im Auto die kurz vorher angekommene SMS seiner Freundin Ellen, deren Anruf er am Anfang des Kapitels während der Theaterprobe angenommen hatte, beantwortet und ihr dabei die Todesnachricht mitteilt – die Kontakte zu Ellen, die sich aktuell in Schweden aufhält, rahmen also das Kapitel, vielleicht auch das Leben von David. Die Beziehung zu Ellen hat sich zwar im Alltag nicht bewährt, weshalb sie getrennt leben, ist aber für David auf der emotionalen und erotisch-sexuellen Ebene so bedeutend, dass er ohne sie nicht leben kann (vgl. S. 106, 115, 122).

Von allen Kadereit-Kindern scheint sich David von klein auf am stärksten – und vergeblichsten – um Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung des Vaters bemüht zu haben: „David, der so linkisch um Vater herumstrich, ihm abseitige Theaterrollen vorspielte und auf Beifall oder wenigstens Interesse hoffte“ und gar nicht merkte, „wie sehr dies alles ihren Vater langweilte und peinlich berührte.“ (S.157) Obwohl David sich nie für Tiere interessierte, hatte ihm „diese Leidenschaft seines Vaters […] durchaus imponiert“ (S. 102): „Dieses Sich-Vertiefen, dieses Ausblenden der Außenwelt“ (S. 103) stellen einen Wesenszug dar, den David ebenso wie den „Suchtcharakter“ (S. 103) auch bei sich selbst erkennt und den er auf seine Weise vor allem als Theaterschauspieler auslebt (vgl. S. 105). Die Schauspielerei bringt ihm zwar nicht die umfassende Anerkennung seines Vaters (vgl. S. 129 f.), aber immerhin besuchen die Eltern die Premieren, wenn sie in der Nähe stattfinden – eine Geste, die David stets gerührt hat, auch wenn die elterlichen Äußerungen zu Theaterstück und Rolle sich immer in banalen, stereotypen Bemerkungen erschöpfen. Für David ist das „Premierengefühl“ – dieser „Moment der Öffnung und des Angenommen-Werdens“ (S. 106), nach dem er geradezu süchtig ist - das, wofür zu leben sich lohnt. Dagegen ist es „ihm in achtunddreißig Jahren nicht gelungen, einmal neben seinem Vater zu sitzen und ein <Wir-Gefühl> zu empfinden". (S. 103)

Die Mutter, um deren gesundheitliches Ergehen sich David durchaus Gedanken macht (vgl. S. 101 f.), ist mit „ihrem steten Bemühen um Ausgleich“, ihrem Bestreben, „es allen recht [zu] machen“, ihm „im Grunde noch [wesens]fremder als sein Vater“ (S.104 f.).

Von den Geschwistern verbindet ihn am wenigsten mit Sylvia, deren bevormundendes, erzieherisches Gehabe ihn ärgert und selbst bei diesem traurigen Anlass dazu führt, dass sie das Gespräch abrupt beenden (vgl. S. 102). Sylvias Abneigung gegenüber David ist sogar Nana bekannt (vgl. S.32) und erstreckt sich in der Regel auch auf Anna, das David alters- und gefühlsmäßig am nächsten stehende Geschwister (vgl. S. 48, 58 f.). Tatsächlich ziehen David und Anna in familiären Auseinandersetzungen häufig an einem Strang (S. 68, 84, 89), und ihre gegenseitige Akzeptanz und Zuneigung ist so groß, dass David sich eigentlich eine Frau vom Typ seiner Schwester Anna wünscht, „aber leider lernte er nie solche Frauen kennen, oder er verliebte sich nie in sie". (S. 115)

Obwohl Bennie von seiner beruflichen Ausrichtung her – Verleger, Galerist, Kunstkritiker – von den Geschwistern David eigentlich am nächsten steht, verstehen sich die beiden nicht (vgl. S. 33), und Bennie ergreift bei häuslichen Diskussionen nicht Partei für David, selbst wenn er dessen Meinung teilt (vgl. S.27). Nach Ansicht der Schwestern hat David zu Thomas am ehesten einen Draht (vgl. S.85). Thomas hat verwirklicht, wovon David nur träumte (vgl. S. 117) und was die anderen Geschwister eigentlich am ehesten von ihm, David, erwartet hatten: „daß er irgendwann alles hinschmeißen und abhauen würde.“ (S. 85) Der Traum[4], mit dem David auf Thomas' "Abhauen" reagiert, kann unterschiedlich interpretiert werden, und Annas professionelle Deutung (Umsetzung von Verlustangst, vgl. S. 108) ist nur eine Deutungsmöglichkeit unter anderen. Obwohl es David ist, über den Thomas sporadisch Kontakt zur Familie hält und der ihm, obwohl selbst immer knapp bei Kasse, sogar einmal Geld schickt (vgl. S.199), ruft Thomas, als er vom Tod des Vaters erfährt, nicht David an, diesen „Neurotiker erster Güte“ (S. 199), sondern Bennie.

Während die gedankliche Auseinandersetzung Davids mit seiner Familie, seinem Schauspieler-Sein und seiner Beziehung zu Ellen ihn als analytischen Denker und sehr differenziert wahrnehmenden Beobachter zeigt, wirkt er in der direkten Begegnung mit Corinna zögerlich, gehemmt, steif, unsicher pendelnd zwischen Abwehr, Mitleid und Faszination (vgl. S.118 f., 120f f., 128). Vor allem auf Corinnas Erzählung vom Tod ihres Vaters, die als paralleler Erzählstrang besonders auffällt, kann David nicht angemessen reagieren (vgl. S. 125 f., 128), sich eindeutig zu verhalten schafft er auch nicht. An seinem Hin-und-her-gerissen-Sein, einer inneren Aufgewühltheit und seiner Gespaltenheit ändert auch die sexuelle Vereinigung der beiden nichts, verschlimmert sie eher: „Er hatte nicht das Gefühl, bei sich selbst zu sein,[…] alles an ihr war ihm fremd, paßte in seiner Fremdheit zu diesem seltsamen Tag, […] Für einen kurzen Moment schoß ihm durch den Kopf, daß er eigentlich gern einmal, ein einziges Mal, jemanden umbringen würde“ (S. 138 f.).

Corinna fühlt sich in ihrem sexuellen Begehren getäuscht und entwürdigt, David interpretiert seine abhanden gekommene Lust um in „das Gefühl, als hätte er Ellen gar nicht betrogen“ (S. 140); tatsächlich hat er wohl beide betrogen, betrügt vielleicht auch sich selbst, wofür die „kleine Wodkaflasche“ (S. 141) im Handschuhfach ein Indiz sein mag. Davids Mordgelüste sind schwer zu interpretieren und nicht eindeutig festzulegen: eine wütende Reaktion auf Corinnas erfolgreiche Manipulation? Eine aggressive Abwehr der damit verbundenen Unterlegenheits- und Hilflosigkeitsgefühle? Ausdruck seiner Wut auf Ellen, von der er sich an diesem Tag alleingelassen fühlt, oder einfach aggressiver Ausdruck tief liegender Enttäuschungen und Verletzungen durch den Vater und einer damit zusammenhängenden Lebens-Unzufriedenheit?

David, der den Erwartungen seines Vaters Paul an die männlichen Kadereit-Kinder nicht entspricht und seine Süchte pflegt, lässt sich vergleichen mit Corinnas Vater, der als Kind und Jugendlicher die hohen Erwartungen seiner Mutter nicht erfüllen kann und darauf zeitlebens mit Depression antwortet, obwohl er in seiner Frau die große Liebe findet und als Berufsmusiker ein erfülltes Leben führt (vgl. S.126 f.). Diese Linie setzt sich in die Vergangenheit fort mit Paul Kadereit, der als Vater weitgehend enttäuscht und Fernweh und Wüsten-Sehnsucht im ungefährlichen Mikrokosmos seiner Tierhandlung stillt; und dem Großvater, den die Familienlegende zum Nordafrika-Helden stilisiert, vielleicht um Abwesenheit und Fehlen des Vaters eine heroische Ummantelung zu geben (vgl. S. 116) – ein Mangel, der Paul Kadereit als Kind einer vaterlosen Generation heranwachsen lässt und wiederum mitverantwortlich sein könnte für dessen eigene Schwächen als Vater. Interessant ist auch, wie sich gerade aus dieser Perspektive zwei dem Generationenbegriff zugrunde liegende Erklärungsmodelle, ein diachronisch/genealogisches und ein synchron/historisch-gesellschaftliches, verschränken und zusammenwirken – auf der Figuren-Ebene der Kinder-Generation, und hier vielleicht besonders deutlich bei einem eher als erfolglos und schwach dargestellten David, wird das Dilemma von Vaterlosigkeit (Paul Kadereit) und Vaterschwäche in der je unterschiedlichen Rollen- und Identitätswahl ersichtlich. Erst auf der Ebene der Enkel – Miriam, Janina, Jonas und Sami – wird dieses Muster von Erwartung und Enttäuschung im Eltern-Kind-Verhältnis teilweise durchbrochen.

Figurenanalyse von Thomas (bearbeitet von Ilse Noy)

Thomas ist mit Abstand das jüngste der Kinder der Familie Kadereit, nämlich etwa 12 Jahre jünger als seine älteste Schwester Sylvia und 5 Jahre jünger als sein nächstälterer Bruder Bennie. Zur Zeit der Erzählung ist er knapp unter 30 Jahre alt. Er gehört damit zur Generation der um 1974 Geborenen, für deren synchrone Generationenzugehörigkeit es kein markantes historisches Ereignis gibt, die aber die bildungsmäßige und materielle Möglichkeit verbindet, aus dem engen familiären und gesellschaftlichen Kontext auszusteigen und die überkommenen Werte der Eltern wie Karriere und materielle Sicherheit in Frage zu stellen. Dies verbindet ihn am ehesten mit dem Ende der 60er Jahre geborenen Bruder Bennie. Äußerlich unterscheidet sich Thomas von den Brüdern, die die markanten Züge des Vaters geerbt haben. Er dagegen hat das Äußere der Frauen der Familie: ein breites, offenes, ein wenig kindliches Gesicht, blonde Haare (vgl. S. 117) und eine sonnenempfindliche helle Haut.

Thomas gilt innerhalb der Familie als Wunderkind, hat eine Klasse übersprungen, ist sportlich, ein absolutes As in Naturwissenschaften, Gewinner des Wettbewerbs „Jugend forscht“ und Einser-Abiturient, der das Geschäft des Vaters übernehmen soll. Dann aber gibt Thomas seinen ihm bereits zugewiesenen Studienplatz auf und bricht als Zwanzigjähriger den Kontakt mit seiner Familie fast komplett ab, um mit seiner Freundin Chantal zunächst auf Weltreise besonders durch die Wüsten der Erde und dann, nach seiner Heirat mit Chantal, in die USA zu gehen, wo diese ein Studienstipendium hat. Mit dem Geld von Chantals Mutter absolviert Thomas in den USA sein Studium in Verfahrenstechnik und verdient als Ingenieur mit der Kanalisation von Gefängnissen in der Wüste (vgl. S. 152) zunächst sehr gut. Er und Chantal haben in der Zwischenzeit einen Sohn bekommen, Sami, und schließen sich auf Chantals Betreiben hin der Sekte der Sun People an, für die Thomas, wiederum Chantal zuliebe, sein gesamtes angespartes Vermögen in den Bau einer verspiegelten Pyramide steckt. Chantal verliebt sich jedoch in Angus, einen der Sektenanhänger, und verlässt Thomas und ihren Sohn.

In der Erzählgegenwart lebt Thomas etwa ein Jahr, nachdem ihn Chantal verlassen hat, mit dem inzwischen sieben Jahre alten Sami in einer Wohnwagensiedlung in der Mojave-Wüste. Er hat eine Anstellung gefunden bei einer Organisation, die sich um die Erfassung und Ausarbeitung von Reiserouten zu ausgefallenen Orten in der Wüste kümmert, unter anderem dem riesigen militärischen Ausbildungskomplex, in dem während des Zweiten Weltkriegs die Soldaten auf ihren Sahara-Einsatz gegen die deutschen Truppen, also auch Thomas` Großvater, vorbereitet wurden. Thomas hat zwar über die Jahre hin Fotos ausgewählter Wüstenmotive an seinen Vater geschickt, jedoch keine darüber hinausgehende Information; nur sein Bruder David erfährt von ihm sporadisch, allerdings ist der letzte Brief vier Jahre alt (vgl. S. 85) und entsprechend weiß niemand in der Familie genau, wo sich Thomas gerade aufhält. Als Nachzügler hat Thomas keine enge Beziehung zu seinen so viel älteren Geschwistern, die ihn, bis auf Silvia, wohlwollend „Tommy“ nennen und auf seine Sonderstellung als Vaters Liebling nicht eifersüchtig sind. Im Alltag der Geschwister spielt Thomas allerdings ebenso wenig eine Rolle wie sie in seinem, sein und Samis Name erscheinen nicht einmal auf der Todesanzeige, was gerade Sami einen Stich versetzt. Die Nachricht vom Tod seines Vaters erreicht ihn daher über Umwege mit zweimonatiger Verspätung.

Die Erschütterung über den Tod des Vaters führt dazu, dass Thomas sich eingesteht, dass sein gesamtes bisheriges Leben ganz und gar bestimmt war durch die antimagnetische (vgl. S. 160) Ausrichtung auf den Vater und dass jetzt nach dessen Tod eine neue Orientierung notwendig werden wird. Dazu gehört, dass er die Trennung von Chantal als endgültig akzeptiert. Zum ersten Mal seit seinem Weggang aus Deutschland kann er direkten Kontakt mit seiner Herkunftsfamilie aufnehmen und seinen Bruder Bennie anrufen; seiner neuen Partnerin Marita wird er vom Tod seines Vaters erzählen.

Die Trennung von der Herkunftsfamilie bedeutet für Thomas, sich im Gegensatz zum Vater der Realität auszusetzen, die melancholisch-romantische Sehnsucht nach der Ferne mit der realen Erfahrung im Sinne der Homöopathie (vgl. S. 160) zu kurieren. Die Lebens-Themen sind jedoch, solange der Vater lebt und als „Zentralgestirn“ (S. 198) auf Thomas, den fernen Satelliten und „Außenposten eines größeren Gefüges“ (S. 197), wirkt, die des Vaters (und Großvaters): die Wüsten der Welt, der Krieg, die Sehnsucht nach Ferne und Freiheit, aber auch Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen, Heimat. Solange der Vater lebt, traut sich Thomas nicht ihn anzurufen oder auch nur seine Adresse mitzuteilen (vgl. S. 152), weil er um seine (labile) Autonomie fürchtet und Angst hat, seinen lebensnotwendigen Abstand nicht aufrecht halten zu können (vgl. 189 f.), aber er schickt ihm stark und kitschig nachkolorierte Fotos, von denen er weiß, dass sie dem Vater gefallen werden, gerade weil sie des Vaters Illusion über die Ferne aufrecht erhalten (vgl. S. 152). Innerlich fühlt er den Vater in seiner Nähe und führt Zwiesprache mit ihm (vgl. S. 156), aber erst nach dessen Tod gesteht er sich ein, dass er sich immer gewünscht hätte, seinem Vater diese neue Welt auch real zeigen zu können (vgl. S. 198), eine Wüste, in der es weder die vom Vater gehaltenen Tiere noch die aufgeräumte Schönheit und Beständigkeit der Terrarien gibt, sondern vordergründig nur Hässlichkeit, Schrott, die Veränderung durch Verfall: „Hier ist nichts heilig, schon gar nicht die vorhandene <Ordnung>, hier wird alles angetastet – so lange, wie die Welt in deinen Terrarien schon unverändert ist, hat hier nichts Bestand. [...] Hier liegt alles offen unter der Sonne wie am Tag des Jüngsten Gerichts“ (S. 156 f.). Es braucht den kontemplativen Blick, um hinter dem Schrott und der großen Leere eine besondere Schönheit auszumachen (vgl. S. 160); eine romantisch-melancholische Versunkenheit, die der des Vaters vor den Terrarien gleicht¸ die Sehnsucht nach dem Bluegrass der Romantik“ (S. 160), wozu Thomas‘ den klaren Blick vernebelndes Kiffen passt.

Thomas erlebt sich geleitet durch, wie er selber findet, einerseits zu geradlinige, festgelegte, klare Ziele, die er später kaum modifizieren kann (vgl. S. 183), und andererseits einem kompletten sich dem Zufall und dem Irrationalen Überantworten. Diese „Sekundeneuphorie“ (S. 207), die Befreiung vom allzu Festgelegten, scheint zunächst eine Gegenbewegung zum Vater zu sein und zu einer Ambivalenz zu führen, die im inneren Stillstand mündet, z. B. wenn Thomas zwar den Besuch des Vaters wünschen würde, ihm aber die Adresse vorenthält. Er genießt den Zustand, auch in räumlicher Hinsicht unverortbar zu sein (vgl. S. 152), dazu passt der Wohnwagen als grundsätzlich mobile Unterkunft und die labyrinthähnliche, sich ständig ändernde Anordnung der Wohnwagensiedlung, in der sogar er selber fürchtet, sich und Sami, der daher eine Trillerpfeife hat, zu verlieren (vgl. S. 192). Thomas erlebt erstmals die Leichtigkeit, von äußeren Ansprüchen frei zu sein, wie ein „Maulwurf oder wie Gott.“ (S. 165). Dazu, sich zwischen den Gegensätzen zu befinden, passt seine empfindlich helle Haut gegenüber der allzu starken Wüstensonne, obwohl er ausgesprochen unempfindlich gegen die Hitze ist; ebenso sein Beruf als Verfahrenstechniker, der in der Trockenheit und Endlosigkeit der Wüste Kanalisationsprojekte baut und Wegbeschreibungen zu ‚strange sites‘ anfertigt.

In der Kunst der Land-Art-Installationen, die mit Sand, Wasser, Wind und Licht Energie erzeugen, die Raum und Zeit zu einem umfassenderen Ganzen dehnen und Thomas das bisher unbekannte Glück des im Hier und Jetzt Angekommen-Seins erleben lassen, entdeckt er eine neue Möglichkeit im Umgang mit Gegensätzen: nicht unbestimmte Ambivalenz, sondern Integration in der Vieldeutigkeit der zweckfreien Gesamtwerke. Die von ihm gefundene, namenlose und von ihm geheim gehaltene Installation in der Wüste (vgl. S. 164) ist es denn auch, die ihm nach dem Tod des Vaters Trost schenkt (vgl. S. 207). Seine Erkenntnis in diesem Moment, dass er selber (ebenso wenig wie Bennie) je ein im Sinne des Vaters geordnetes, zielgerichtetes Leben wird leben können, klingt ruhig, klar und zuversichtlich und sich seiner selbst (ohne Illusion oder Melancholie) gewiss (vgl. S. 207). Er ist bei sich angekommen, die Heilung ist gelungen, auch wenn völlig offen ist, wie er sein weiteres Leben gestalten wird. Erst der Tod des Vaters entlässt Thomas in die Freiheit der Selbstbestimmung und zwingt ihn, sich seinen eigenen Lebenslügen zu stellen: der vordergründige Gegensatz zum Vater (Thomas‘ Leben im realen Licht der amerikanischen Wüste im Kontrast zum provinziellen Leben des Vaters in der abgedunkelten Welt seiner künstlichen Terrarien) verschleierte bisher nur seine Gebundenheit an diesen Vater. Erst jetzt gesteht er sich die deprimierende Hässlichkeit der Umgebung ein, in der er sich zum ersten Mal nicht „angenehm-traurig, sondern hundeseelenallein“ (S. 198) fühlt. Er erkennt seine Selbstverliebtheit, mit der es ihm darum gegangen war, in der Wüste „schöne, melancholische Momente zelebriert“ (S. 198) zu haben, er gesteht sich ein, dass seine Beziehung zu Chantal zu Ende ist. Erst durch diese Ehrlichkeit sich selbst gegenüber öffnen sich neue Möglichkeiten für einen Kontakt zur Herkunftsfamilie, eine vertrauensvollere Beziehung zu Marita (vgl. S. 209) und vor allem in Bezug auf Sami, dem er nicht weiterhin seine Herkunftsfamilie vorenthalten muss.

Sami, der mit Thomas unter dem amerikanisierten Namen Kadright (vgl. S. 187) lebt, besser Englisch als Deutsch spricht, nur die Wüste als sein Zuhause kennt und, wie Thomas glaubt, nicht wegwollen würde, ähnelt mit seinem blonden Haar und der empfindlichen Haut der Großmutter, die er bisher nur von Fotos kennt (vgl. S. 194). Er verschickt Fantasiebriefe an unbestimmte Adressaten und liebt Züge und andere Dinge in der Ferne, die er mit dem Fernglas beobachtet (vgl. S. 146, 154); er spürt eine unbestimmte Sehnsucht und Traurigkeit (vgl. S. 194), die sich auf Zugehörigkeit zu einer Familie zu richten scheint; so ist er es, dem auffällt, dass Thomas‘ und sein eigener Name auf der Todesanzeige fehlen, was Sami „einen kleinen, aber spürbaren Stich gibt“ (S. 194). Hier wechselt die Erzählperspektive für den Leser völlig unerwartet zu Sami, wodurch dieser, im Gegensatz zu Thomas, auch die Sehnsucht des Kindes nach Zugehörigkeit zu seiner Herkunftsfamilie erfährt. Mit Sami findet eine Weiterentwicklung der Familienbezüge statt: der körperliche Kontakt zwischen Thomas und Sami wirkt zwar äußerlich wie eine Wiederholung, wenn der Kopf des Vaters auf dem Haar des Kindes ruht, das nicht wagt sich zu bewegen (vgl. S. 197); anders aber als in Thomas‘ Herkunftsfamilie ist, dass Sami selbst die Hand des Vaters nimmt und sie fest drückt (vgl. S. 192), und es ist Sami, der zum Schluss die beiden Sand-Rillen-Inseln miteinander verbindet (vgl. S. 211). Wie in seiner Herkunftsfamilie gelernt, vermeidet es Thomas, seine Gefühle nach außen zu zeigen oder über wichtige persönliche Dinge zu sprechen. Daher versucht er, Sami von der Todesanzeige abzulenken, dieser besteht jedoch unbeirrbar auf der Antwort nach der Bedeutung des Zum-Herrn-Heimgehens des verstorbenen Großvaters. Thomas muss antworten, dass er es nicht weiß (vgl. S. 211). So endet der Roman zwar mit einer offenen Frage nach der Bedeutung von Zughörigkeit und Heimat, aber ebenso mit einem neuen, vertrauensvollen und ehrlichen Gesprächsverhalten von Thomas seinem Sohn Sami gegenüber. Für Sami hat Thomas, anders als sein Vater mit ihm, keine Zukunftspläne, er soll nur nicht, wie er selber, mit zwanzig auf die Idee kommen abzuhauen (vgl. S. 208), was ja vielleicht auch nicht notwendig sein wird.

Figurenanalyse des Vaters (bearbeitet von Ulrich Teiner)

Als Paul Kadereit, in der Todesanzeige als Unternehmer bezeichnet, stirbt, ist er 62 Jahre und wenige Tage alt. Er stirbt am 21. Juni 2003, dem längsten Tag des Jahres (vgl. S. 193). Wir erfahren von ihm nichts aus seiner eigenen Sicht, er ist ja tot. Was wir von ihm erfahren, erfahren wir von seiner Ehefrau, was aber eher wenig ist, und wesentlich mehr durch seine Kinder bzw. im Falle Bennies durch dessen Partnerin Nana. Zum Zeitpunkt seines Todes ist er zweiundvierzig Jahre verheiratet (vgl. S. 30, 196). Er hat also sehr früh, mit zwanzig Jahren, geheiratet. Er ist Frühaufsteher (vgl. S. 29) und isst gern mit Krabben gefüllte Avocado (vgl. S. 50).

Sein Tod kommt überraschend. Als Todesursache nannten die Ärzte, in deren Krankenhaus er noch eingeliefert worden war, Herzstillstand und Kreislaufüberlastung infolge großer Hitze (vgl. S. 78), was verwundert, weil er gesundheitsbewusst gelebt hatte und noch recht agil war (vgl. S. 108). Genussmittel wie Zigaretten, Alkohol und Schokolade lehnte er ab (vgl. S. 105). Von Krankheiten wird nur zweimal berichtet; einmal von einer schweren Bronchitis (vgl. S. 56 f.) nach dem Diebstahl eines Chamäleons (vgl. S. 111), weshalb Sylvia einige Wochen den Laden betrieben hatte, und zweitens von einer Gürtelrose, als sich die Insolvenz seines Geschäftes anbahnt (vgl. S. 111). Als Nana, Bennies Freundin, ihn zum ersten Mal sieht, ist sie überrascht, wie schlank und sportlich er aussieht, er trägt einen gepflegten weißen Bart und hat große, aber nicht zu derbe Männerhände (vgl. S. 20 f.). Er hat eine gebogene Nase, neben der sich tiefe Falten zu den Mundwinkeln ziehen, durchdringende klare Augen und buschige weiße Augenbrauen (vgl. S. 61). Das Haus, in dem er früher mit seiner Familie und heute mit seiner Ehefrau lebt, wirkt dunkel und höhlenartig (vgl. S. 21), mit der Gestaltung der im ganzen Haus verteilten Terrarien hatte er sich offenbar mehr Mühe gegeben (vgl. S. 23). Paul Kadereit ist, im Gegensatz zu seiner Frau, humorfrei (vgl. S. 22, 153), er ist eigenbrötlerisch (S. 27), gelegentlich schroff (S. 77). Er liebt die Exotik, aber nur so weit, wie er sie ins Haus holen kann. Hinfahren tut er nicht (vgl. S. 88). Thomas nennt das abschätzig „Wohnzimmer-Abenteurertum“ (vgl. S. 203). Paul spielt lieber die Rolle des Erklärers und Lehrers (vgl. S. 105).

Seinen begrenzten emotionalen Fähigkeiten entspricht eine begrenzte Mimik, die nur zwei Zustände kennt: „todernst oder übertrieben gefühlsduselig“ (S. 117). Er läuft keiner Mode hinterher (vgl. S. 52). Als es viele schick finden, Sartre zu lesen oder gegen Vietnam zu protestieren, tritt er einem „Heimatlieder singenden Wanderverein“ (S. 31) bei. Zu größeren Emotionen ist er nur gegenüber seinen Bienen und exotischen Tieren fähig. David spricht in diesem Zusammenhang von „Leidenschaft“ (S. 102), sogar von „Suchtcharakter“ (S. 103). Da ist es verständlich, dass die Schließung seiner Tierhandlung und die Insolvenz seiner Firma für Imkereibedarf eine Katastrophe sind, die er geradezu masochistisch inszeniert, mit schwarzem Anzug und Sonnenbrille, „mafiosohaft“ (S. 55). Nach dem Ende seiner Unternehmen spricht er kaum noch, lässt sich gehen, aber geht nicht mehr wandern und setzt seine Herztabletten ab, weshalb Bennie an einen Herzinfarkt als eigentliche Todesursache glaubt (vgl. S. 208).

Als Paul Kadereit stirbt, sind die Kinder längst aus dem Haus; eines, Thomas, ist so gut wie verschwunden. Jedes Kind hat einen eigenen Namen für den Vater. Bennie nennt ihn neutral Vater, Sylvia bevorzugt das liebevollere Vati, Anna nennt ihn seit ihrem USA-Aufenthalt Daddy, für David ist er fast schon distanzierend Paul und Thomas nennt ihn wie Bennie Vater. Paul wollte von Anfang an viele Kinder, es wurden dann ja auch fünf, aber als sie da waren, haben sie ihn nicht mehr wirklich interessiert (vgl. S. 31f). Ein engeres beiderseitiges emotionales Verhältnis hatte er nur zu Sylvia (vgl. S. 40). Thomas kam sie oft vor wie seine Sekretärin oder Assistentin (vgl. S. 158). Deshalb vertrat sie ihn auch in seinem Geschäft, als er einmal krank war.

Auch dem Nachzügler Thomas versucht Paul emotional näher zu kommen, wie später auch seinen Enkeln Janina und Jonas. (vgl. S. 77). Aber Thomas ist an dieser Nähe nicht interessiert, im Gegenteil. Der vom Vater gesuchte Körperkontakt ist ihm sehr unangenehm, insbesondere in der Form von Gutenachtküssen (vgl. S. 159).

David hatte sich immer einsam gefühlt, wenn er sah, wie intensiv sich sein Vater mit seinen Tieren beschäftigte, ihn aber abfertigte mit Worten wie „Jetzt nicht, später“ (S. 104), wenn er etwas aus der Schule erzählen wollte. Besondere Zuwendung dagegen hat ihm sein Vater zuteil werden lassen bei der Überwindung seiner Angst vor dem Wald: „Jahrelang hatte ihn sein Vater immer zur Schule gebracht“, ihm später vom „hellerleuchteten Fenster […] noch lange“ (S. 136 f.) nachgeschaut. Wenn Paul im schwarzen Anzug zu Davids Premieren erschien, fiel ihm allerdings nie mehr dazu ein als die Floskel „gut gemacht, Junge“ (S. 106), auf den Inhalt der Stücke ging er nicht ein. Davids Versuch, seinen Vater nach der Insolvenz bei einem Besuch zu trösten (vgl. S. 109f f.) scheitert kläglich.

Zu Anna hatte der Vater nur während ihres Schüleraustausches, als sie gewissermaßen stellvertretend für ihn die USA erkundete, ein enges Verhältnis. Bei den Telefongesprächen mit Utah fragte er nach Allem und Jedem. „Sie hatte sich ihm noch nie so nahe gefühlt“ (S. 88) und war grenzenlos enttäuscht, als er entgegen allen Absprachen den Besuch bei ihr in den USA absagte. Thomas bekommt erst zwei Monate nach dem Tod des Vaters die Todesanzeige und den Brief der Mutter, in dem sie schreibt, sie sei zweiundvierzig Jahre glücklich verheiratet gewesen und aus der Liebe zum Vater seien fünf Kinder hervorgegangen (vgl. S. 196). Thomas kommen diese Formulierungen eher wie eine Beschwörung als wie eine Tatsachenbeschreibung vor.

Es gibt aber offenbar doch eine Ebene, auf der der Vater die Familie dominiert, auch wenn letztlich nicht eindeutig klar wird, worauf diese Dominanz beruht. Nana formuliert das so: „es ging etwas durchaus Bezwingendes von ihm aus“ (S. 24). Alle Familienmitglieder haben Schwierigkeiten, die Todesnachricht zu verarbeiten oder gar weiterzugeben. Nana weiß nicht, wie sie Bennie nach der Todesnachricht gegenübertreten soll (vgl. S. 28f f.). Sylvia kann es weder ihrer Tochter Miriam (vgl. S. 45) noch ihrem Mann Jan sagen (vgl. S. 49f f.). Anna und Michael und ihre Kinder Janina und Jonas weinen gemeinsam auf dem Sofa (vgl. S. 75). David gerät nach der telefonischen Todesnachricht mit seiner Schwester Sylvia in einen heftigen Streit, lenkt das Gespräch über den Tod des Vaters auf die Folgen für seine Mutter ab, beide brechen das Gespräch ab (vgl. S. 101 f.).

Am heftigsten fühlt Thomas, der sich am schnellsten und am weitesten aus der Familie entfernt hat, den Verlust. „sein Vater lebte nicht mehr, das stille Zentrum, die Gravitationsfläche, von der er sich abgestoßen hatte, in deren Kraftfeld er sich aber doch, wenngleich an dessen äußerstem Ende, befunden hatte, schien auf einmal zu kollabieren. War er bislang ein ferner Satellit gewesen, eine Art Außenposten eines größeren Gefüges, hatte er jetzt das Gefühl, als sei dieses Zentralgestirn auf einmal verschwunden.“ (S. 197 f.).

Am ehesten ein Gefühl für diese zentrale Rolle des Vaters und Ehemannes zu Lebzeiten hatte vielleicht doch seine Ehefrau Eva, die immer konsequent war, wenn sie den Vater vor allzu großen Ansprüchen der Kinder abschirmte (vgl. S. 83 f.). Nicht einmal von Familienmitgliedern mochten die Eltern spontane Besuche bekommen (vgl. S. 109). Am Abend des Todestages betrachtet Sylvia alte Fotos ihres Vaters: Paul als Säugling und jüngstes von sechs Kindern, als blasser Schuljunge vor dem Haus „mit dem noch zerstörten Dachstuhl inmitten der Ruinen seiner Heimatstadt Nürnberg“ (S. 52). Während andere in die Tanzstunde oder demonstrieren gingen, hatte sich der Vater für die Chamäleon- und Wüstenechsensammlung eines alten Nachbarn interessiert, die dann nach dem Tod des Nachbarn den Grundstock für seine Zoohandlung bildete.

Dass er am 06.06. geboren ist – Anna nennt den Tag Daddy’s Day (vgl. S. 66) – also am D-Day, wenn auch drei Jahre vor dem historischen Ereignis, kommentierte er jenseits aller zeitgeschichtlichen Bezüge mit der immer gleichen Floskel: „Ein schönes Geburtsdatum. Ein doppelter Sechser!“ (S. 66). Nach Annas Rückkehr aus den USA hatte er den geschichtlichen Bezug weiter heruntergespielt. Das D in D-Day bedeutete „…wider Erwarten gar nichts Mysteriöses“ (S. 67). Das D stehe einfach für Day, Tag, weil ein genaues Datum noch nicht feststand.

Wichtiger ist Paul die Beziehung zum eigenen Vater Gustav, dem Großvater der Kinder. Thomas erinnert sich, dass dessen Schwarzweißfoto über dem Schreibtisch des Vaters hing, auffallend war der „irgendwie unbarmherzige Blick seines Großvaters […] den sein Vater innerlich auf einen Thron der Mystik und Exotik gesetzt hatte, […] um ihn anhimmeln zu können“. (S. 200). Und während Anna und David wissen, dass ihr Großvater laut militärgeschichtlichem Forschungsamt Potsdam beim nächtlichen Wasserholen in der Wüste erschossen worden war (vgl. S. 116), glaubt der Vater (und mit ihm Eva und Sylvia) an die Familienlegende vom ehrenvollen Gefallensein „bei einem verlustreichen Gefecht“ (S.116). Das Wort Generation fällt zum einzigen Mal, als Thomas nach Erhalt der Todesanzeige seines Vaters denkt: „Und er, Thomas, stand jetzt in dritter Generation an diesem beschissenen Ort“ (S. 201). Da spannt sich sogar der Bogen zu vier Generationen, denn der Urgroßvater von Thomas‘ Sohn Sami starb elendig als Soldat in der Wüste. Sami aber, so assoziiert Thomas, „…sprach derweil besser Englisch als Deutsch, kannte nichts anderes als die Wüste und würde nicht mehr wegwollen“ (S. 201).

Ein zeitgeschichtlicher Bezug steckt auch im Namen von Pauls Waran „Overlord“ (S.204). Operation Overlord war der Name für die Landung der Alliierten in Nordfrankreich am 6. Juni 1944. Der Waran trägt diesen Namen, „weil er einen überraschend anspringen konnte“ (S. 22).

Figurenanalyse der Mutter (bearbeitet von Johanna Schorm)

Obschon die Mutter Eva nach dem plötzlichen Herztod ihres Ehemannes die Hauptleidtragende ist, spielt sie in dem Roman eine untergeordnete Rolle. Ihr (wie auch dem Vater) ist nicht nur kein eigenes Kapitel gewidmet, sondern sie kommt auch nur an zwei Stellen in direkter Rede in der Erzählgegenwart zu Wort: als sie Sylvia den Tod des Vaters mitteilt, (vgl. S. 38f.) und beim Besuch von Anna auf ihre Frage, wie es Vater in den letzten Tagen ergangen sei. (vgl. S. 83) In beiden Fällen wirkt die Mutter aus der Sicht der Kinder etwas überfordert und hilflos. Eine Einschätzung der Situation aus ihrer Sicht liefert darüber hinaus der Brief an Thomas im letzten Kapitel. (vgl. S. 195f.)

Ebenso wie der Vater ist die Mutter von Anfang an in dem Roman präsent. Für Nana, die mit dem Blick von außen auf die Familie schaut, erscheint das Ehepaar als Einheit. In ihren Reflexionen taucht viermal der Hinweis auf Bennies Eltern auf, (vgl. S. 12, 20, 23, 34) wodurch die Mutter automatisch auch als Unterstützer der in der Familie herrschenden Atmosphäre gekennzeichnet wird. Nana erkennt aber auch, dass die Mutter nur wenig Einfluss auf die Gestaltung des Hauses hat, nur die Küche zeigt, dass ihre Vorlieben nicht mit denen ihres Ehemannes übereinstimmen. (vgl. S. 22)

Von dem Leben der Mutter vor ihrer Ehe erfährt der Leser so gut wie nichts. Auch ihr Alter kann nur aus den Umständen, in denen sie lebt, erschlossen werden. Es ist davon auszugehen, dass sie ungefähr so alt ist wie ihr Ehemann oder etwas jünger. Paul ist 1941 geboren. Es war zur Zeit ihrer Eheschließung in dem traditionell-konservativen Fürstenfeldbruck wahrscheinlich eher selten, dass eine Frau älter war als ihr Ehemann. Das würde heißen, dass sie bei ihrer Hochzeit 1961[5] 19 oder 20 Jahre alt war. Die vier Kinder kamen schnell hintereinander, heißt es. Als ihr vorläufig jüngster Sohn Benjamin geboren wurde, war sie wahrscheinlich 28 Jahre alt, es ist das Jahr 1969. Sie war 33 Jahre, als der unerwartete Nachkömmling Thomas, ihr 5. Kind, zur Welt kam.

Ob die Mutter vor ihrer Ehe jemals berufstätig war oder eine Ausbildung in einem Beruf hatte, wird nicht erwähnt. Sie kommt aber offensichtlich aus einem bürgerlich-katholischen Milieu, worauf ihre Vorliebe für Orgelkonzerte hinweist. (vgl. S. 184) Ihre Religiosität wird von allen Kindern erwähnt. Auch scheint sie früher ab und zu ins Theater gegangen zu sein, was aus ihrem Unverständnis für moderne Bühnenbilder geschlossen werden kann. (vgl. S.106)

Die Mutter bleibt in der Darstellung blass. Ihre positiven Eigenschaften, sie ist zu allen nett und ständig um Harmonie bemüht, werden von den Kindern eher kritisch gesehen. Aus der Perspektive Annas heißt es an einer Stelle: „Sie streicht ihren Rock glatt“ (S.83), was als Zeichen für ihre traditionelle Kleidung gewertet werden kann. Mehrfach wird erwähnt, dass sie in schwierigen Situationen hilflos reagiert. Anna beklagt die Minderwertigkeitsgefühle ihrer Mutter (vgl. S. 83) und ihre rigide Zeitordnung (vgl. S. 74, 109). Sami, der die Großmutter nur von Fotos kennt, stellt fest, dass sie direkt und vertrauensvoll in die Kamera blickt und meist jemand im Arm hielt oder im Arm gehalten wurde (vgl. S. 194), auch dies ein traditionelles Familienbild.

In der Struktur der Familie hat die Mutter ihren Platz zu nah am Vater, dem „Zentralgestirn“ (S. 199), wie Thomas meint, und David stellt fest: „Seine Mutter wollte es allen recht machen und ordnete sich ihrem Mann und ihren Kindern […] viel zu bereitwillig und gutmütig unter“ (S. 105). Eigene Interessen hatte sie kaum und schien wenig für sich zu fordern. Vielleicht ergänzten sich die Eltern, reflektiert er weiter (vgl. S. 104) Jedenfalls ist ihm die Mutter noch fremder als der Vater, von dem er jedoch sagt, dass er durch seine Schufterei die Familie tyrannisiert habe (vgl. S. 109).

Die Mutter stützt mit ihrer stillschweigenden Unterordnung das Verhalten des Vaters und seine Anordnungen. Sie nimmt ihn gegenüber den Kindern in Schutz, z.B. wenn sie lästige Fragen von Anna und David abwehrt (vgl. S. 84). Sie sorgt dafür, dass er nicht gestört wird, wenn er vor den Terrarien sitzt oder z.B. in der Nacht, wenn die Kinder Alpträume haben (vgl. S. 104). Ohne ihre Aktivitäten im Hintergrund würde das Familiensystem nicht funktionieren.

Mit ihrem Verhalten steht die Mutter stellvertretend für eine ganze Generation von Frauen, die sich in den 50er und 60er Jahren dem herrschenden Ideal des Heimchens am Herd unterwarfen und damit die patriarchalische Gesellschaftsform stützten. Ebenso wie der Vater Paul gehört sie zu der Generation der Kriegskinder, für die nach aller erfahrenen Unsicherheit der Kriegs- und Nachkriegszeit die Sicherung der täglichen Bedürfnisse im Vordergrund stand. Zu dieser Sicherheit gehörte die klare Rollenverteilung innerhalb der Familie. Der Vater ist das Oberhaupt, er ist der Versorger und Ernährer, er fühlt sich verantwortlich, bezieht aber auch Macht aus dieser Position. Die Mutter ist nicht berufstätig, sie ist für die Versorgung der Kinder und die Organisation des Haushalts zuständig. Eine ihrer Hauptaufgaben besteht darin, die Arbeitskraft des Hausvaters zu erhalten und ihn zu unterstützen. Anerkennung bekommt sie für ihre Arbeit keine, weder von ihrem Mann noch von den Kindern.

Als Nebenfigur innerhalb der Fiktion entspricht die Mutter dem Stereotyp der idealen Hausfrau, wie sie in der Werbung der Wirtschaftswunderjahre propagiert wurde. Ihr Verhalten kann als Beispiel für eine Prägung durch die Zeitgeschichte herangezogen werden, d.h. für einen synchronen Generationenbegriff. Über die stereotype Figurenbeschreibung der Mutter wird im Lesevorgang die historische Zeit der Aufbaujahre aktiviert[6]. Bei Björn Bohnenkamp heißt es zum synchronen Generationenbegriff: „Auf der Ebene einzelner Figuren [kann] eine ganze Gesellschaftsgeschichte erzählt werden, indem einzelne Figuren stellvertretend für ihre Generation entworfen werden.“[7] Die Mutter ist ebenso wie der Vater so stark durch die historisch einmaligen Erfahrungen der Nachkriegszeit geprägt, dass sie sich auch später nicht davon lösen können. Vielmehr erwarten sie von den Kindern, dass sie ihre in dieser Zeit erworbenen Verhaltensweisen übernehmen. Jedoch die Zeit und die Kinder haben sich verändert: „Vaters ewiges Aufbauen-Wollen und Mutters ewiges Horten [was als Hinweis auf die Aufbaujahre gewertet werden kann] war ihm [gemeint ist Thomas] […] völlig fremd geworden.“(S. 165)

Die Mutter hat sich offensichtlich während ihrer 42 Jahre währenden Ehe nicht verändert. Sowohl die Aufbruchsstimmung der 68er Jahre als auch die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre sind spurlos an ihr vorübergegangen. Auch nach dem Tod ihres Ehemannes gibt es keine Zeichen einer Befreiung oder Entwicklung. Sie ist immerhin erst 61 Jahre alt. Ihr Hüftleiden und ihre Diabetes sind für die Kinder ein Grund, dass sie nicht mehr allein leben kann und Anna sie bei sich aufnehmen wird. In der Sorge der Kinder um die Mutter kann man Zeichen des Generationenvertrages sehen. Für Bohnenkamp ist er ein Bild für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat[8].

Der Brief der Mutter an Thomas unterstreicht noch einmal, dass die Mutter sich nicht aus ihrem angelernten Rollenverhalten lösen kann. Sie ist nie aus Fürstenfeldbruck herausgekommen, es gab in ihrem Leben keine Impulse, die eine Veränderung ihrer Einstellungen befördert oder nötig gemacht hätten. „Zweiundvierzig Jahre lang … war ich glücklich mit deinem Vater verheiratet“ schreibt sie, „ und unsere Liebe zueinander hat uns fünf gesunde Kinder geschenkt.“ (S. 196) Neben der angelernten Phrasenhaftigkeit dieser Sätze schützt sie mit dieser Bemerkung ihren Ehemann auch nach seinem Tod vor jeder eventuell aufkommenden Kritik. Thomas, den Nachkömmling, das einzige der Kinder, das hinter der Fassade den Menschen sieht, kann sie damit nicht täuschen. In der „krakeliger werdenden Schrift und dem chaotischen Auf und Ab der Zeilenführung“ erkennt er die Verunsicherung der Mutter; sie „hatte über jedes Wort nachgedacht, um bei Thomas kein schlechtes Bild von seinem Vater entstehen zu lassen.“ (S.196f.)

Aus der Perspektive von Thomas gewinnt die Mutter trotz aller stereotypen Verhaltensweisen aber auch eine eigene Individualität. Diese zeigt sich nicht nur in ihrer Melancholie, „erahnbar im Rauschen des Duschwassers auf dem Körper seiner einsamen Mutter, den sein Vater bestimmt seit Jahren nicht mehr berührt hatte“ (S. 157), ein Zeichen, dass sie sich ihrer Situation in der Familie sehr wohl bewusst ist, sondern vor allem in ihrem Humor, mit dem sie auf überraschende Ereignisse reagieren kann (vgl. S. 153, den Ausbruch der Warane). Sie hat ebenso wie ihr Mann ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Enkeln Jonas und Janina aufgebaut, die wie selbstverständlich auf ihren Schoss klettern, um sie zu trösten. (vgl. S. 77) Es gibt jedoch keine Hinweise in dem Roman darüber, ob sie sich nach dem Tod ihres Ehemanns mit ihrer Position in der Familie auseinandersetzt und zu einem selbstbestimmten Leben findet.

Der Generationenroman[9] von Tanja Dückers[10] vernetzt die historisch einmalig entstandene Situation der Aufbaujahre nach dem 2. Weltkrieg mit den genealogischen Veränderungen und Entwicklungen, die sich innerhalb der Familie und durch die Zeitgeschichte ergeben. An der Figur der Mutter wird deutlich, wie sehr sich das Bild der Familie in den letzten 20-30 Jahren verändert hat. Dies betrifft auch die anderen Frauenfiguren, an denen trotz aller Prägung durch die Familiengeschichte, gesellschaftliche Veränderungen im Rollenverständnis der Geschlechter abgelesen werden können. Dabei wirkt die patriarchalische Gesellschaftsordnung im Leben Sylvias weiter fort. Sie wäre wohl die einzige gewesen, die die Zoohandlung des Vaters hätte übernehmen können und wollen. Aber für den Vater war sie als Frau keine Option für diese Aufgabe. Er zollte ihr für ihre Hilfe im Geschäft kaum Anerkennung, wie Thomas feststellt (vgl. S. 158f.). Ein anderes Bild liefert die Familie von Anna. Sie hat einen qualifizierten Beruf, den sie als Selbständige ausübt, und die Kindererziehung wird von beiden Elternteilen wahrgenommen. Auch die Söhne Kadereit haben sich in ihren Lebensentwürfen zwar vollständig vom Vater gelöst, Thomas und David warten aber weiter auf ein Zeichen der Anerkennung.

In einem Interview von 2006 weist Tanja Dückers darauf hin, dass für sie die graue Zeit nach dem 2. Weltkrieg im imaginären Zentrum des Romans steht: „…die 50er Jahre bilden den Nukleus, um den sich die Familiengeschichte dreht“[11].

Aufbau des Romans, Erzählperspektive, sprachliche Mittel (bearbeitet von Ilse Noy)

In Dückers‘ Roman gibt es kein eingreifendes, auktoriales Erzählen, sondern nacheinander werden die einzelnen Geschwister aus der Perspektive eines personalen Erzählers in der Er/Sie-Form vorgestellt. Lediglich an wenigen Stellen des Romans verschränken sich Selbst- und Fremdperspektive (vgl. jeweils 1. Satz S. 13 und S. 17 oben), findet sich eine Charakterisierung, die von außen statt aus der Innensicht der jeweiligen Perspektivfigur kommt, wodurch der Eindruck eines Schulterschluss mit dem Leser entsteht. Erschließt sich so vielleicht doch eine Art Metaebene, eine Leseanweisung, eine Reflexion über die Erzählweise?

Mit Bennie beginnt der Roman, allerdings wird Bennie nur aus der personalen Sicht seiner Freundin gezeigt, der Leser wird so in gewisser Distanz zur Figur gehalten. Das passt inhaltlich möglicherweise dazu, dass sich Bennie verhältnismäßig weit von der Herkunftsfamilie entfernt hat. Weiter weg in Richtung auf ein eigenes, autonomes Leben ist bloß Thomas gegangen, und mit ihm endet der Roman. Thomas wird besonders viel Raum gegeben, das ihn behandelnde Kapitel ist mit Abstand das längste der zunehmend umfangreicher werdenden Kapitel. Sein Blickwinkel wird sogar noch erweitert und intensiviert durch Sami, seinen kleinen Sohn, dessen Perspektive der Erzähler ebenfalls momentweise einnimmt (vgl. S. 193 ff.). Passend dazu, dass sich in Sami eine Sehnsucht nach der ihm unbekannten Ursprungsfamilie anzudeuten beginnt, werden Anfang und Ende des Romans kreisförmig zusammengeführt, indem am Ende Thomas telefonischen Kontakt zu Bennie aufnimmt, wobei die erzählerische Distanz durch die direkte Figurenrede während des Telefonats aufgehoben wird. Dadurch wird die Vertrautheit, mit der beide Brüder nach jahrelang unterbrochener Verbindung miteinander ins Gespräch kommen und die ein Hinweis auf familiäre Zusammengehörigkeit ist, dem Leser besonders nahe gebracht.

Alle Geschwister bis auf Bennie werden dem Leser zwar vergleichsweise nahe aus ihrer Innensicht vorgestellt, allerdings fällt auf, dass der sprachliche Duktus des Romans eher gleichförmig ist und damit nicht die Individualität der Figuren betont. Möglicherweise könnte dies als Hinweis verstanden werden, dass es sich letztlich bei dem Roman, worauf schon das vorangestellte Motto hinweisen könnte, vor allem um einen künstlerischen Modellversuch handelt, der beobachtet, was in Familien geschieht, wenn sich Zentrum und Peripherie gegeneinander verschieben, wenn das „Zentralgestirn“ (S. 198) seine Position verlässt.

Einige sich leitmotivisch durch den Roman ziehende Metaphern scheinen in diesem Zusammenhang die Generationenbeziehungen zu erhellen: der „längste Tag des Jahres“ ist rein astronomisch der Tag der Sonnenwende, ein Einschnitt, der etwas Neues beginnen lässt; der Todestag des Vaters ist ein gefühlt längster Tag des Jahres für die Kinder, auch hier ist ein Neubeginn denkbar. Doch der Jahresverlauf stellt auch einen immerwährenden Kreis dar, und die Kinder folgen eingeübten Rollen. Eine kreis- bzw. spiralförmige und pulsierende Bewegung wird auch von weiteren Metaphern beschworen: u. a. die kreisförmige Anordnung und Bewegung der Gestirne um ein Zentrum, die Spiral Jetty von Robert Smithson[12] (vgl. S. 173 ff.), das Perpetuum mobile der unbekannten Installation in der Wüste mit seiner sich unablässig täglich erneuernden Licht-Energie. Vielleicht könnte man ableiten, dass eine endgültige Positionsbestimmung des Einzelnen in der Gesellschaft bzw. der Familie nicht möglich und nicht erstrebenswert ist, sondern dass sie in einer permanenten, kreisenden Bewegung zwischen Annäherung und Entfernung, Zugehörigkeit und Abgrenzung, Bedingtheit und Autonomie, Aufbruch zum Neuen und Verharren in alten Mustern stattfindet.

Das Muster mit Differenz ist denn auch ein Merkmal mancher zeitgenössischer Generationenromane; dieser Familienroman ist weder eine Fortschrittsgeschichte noch eine Niedergangsgeschichte wie etwa Thomas Manns „Buddenbrocks“. In der Metapher des Perpetuum mobile, das im Roman bereits als Installation existiert, zeigt sich die Sehnsucht nach einer sich ständig erneuernden Energie, bei der Anziehungs- und Fliehkräfte sich nicht aufheben, sondern dialektisch in eine Zukunft wirken.


Anmerkungen

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf Tanja Dückers, Der längste Tag des Jahres, Berlin 2007 (Taschenbuchausgabe)
  2. vgl. Markus Neuschäfer, Das bedingte Selbst: Familie, Identität und Geschichte im zeitgenössischen Generationenroman, Berlin 2013
  3. "Desert Rock von Giant Sand" und "Hotel Helios"(S. 99)lassen sich mit Thomas' Aufenthalt in der Wüste verbinden, während die besungene "Lolita" (S. 99) auf die später im Kapitel auftretende Corinna vorauszuweisen scheint
  4. Auch hier, in Davids Traum und Annas Traum-Deutung taucht leitmotivisch "Sand" auf, was zusammen mit anderen Schlüsselbegriffen wie "Desert" bereits den Boden für das letzte Kapitel "Die Wüste" vorbereitet. Überhaupt scheint den ganzen Roman eine Art Wüsten-Metaphorik - ein Wüsten-Myzel - zu durchziehen, angefangen mit Paul Kadereits Wüstentier-Leidenschaft bis hin zu eigentlich banalen Feststellungen von Nana ("Sand auf der Türschwelle. [...] Auch die Farbe des Bodenbelags, ein heller Sandton, [...] störte sie plötzlich." (S. 18 f.)
  5. Das Jahr der Hochzeit der Eltern kann nur indirekt erschlossen werden. In der Todesanzeige werden Geburts- und Todestag von Paul Kadereit genannt, (S. 193) Im beiliegenden Brief sagt die Mutter: „Zweiundvierzig Jahre lang …war ich glücklich mit Deinem Vater verheiratet.“. (S. 196)
  6. vgl.: Markus Neuschäfer, a.a.O., S. 18 f.
  7. Björn Bohnenkamp, Generation als Erzählung. Zur narrativen Inszenierung sozialer Beziehungen. In: Nagy, Hajnalka [Hrsg.], Immer wieder Familie: Familien- und Generationenromane in der neueren Literatur, Innsbruck 2012, S. 27-40, hier S. 31.
  8. ebenda: S. 32
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Generationenroman
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Tanja_D%C3%BCckers
  11. www.tanjadueckers.de/der-langste-tag-des-jahres/ taz, 20. März 2006 - Interview
  12. https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Smithson